Rothenberg

Max Rothenberg, Göttingen - Reinhäuser Landstr. 54

Geboren wurde Max Rothenberg am 02. August 1905 in Arholzen. 1921 erlangte er am Gymnasium Goslar die Reife für die Obersekunda (Mittlere Reife). Gleich danach ging er in einen Lehrbetrieb für Manufakturwaren in Einbeck, wo er am 01. April 1921 seine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten begann. Nach zwei Jahren Lehrzeit folgte der Besuch der Handelsschule mit einer Fachausbildung in Dekoration. In dieser Zeit lernte Max Rothenberg Emmi Henne kennen, die er in Einbeck heiratete. Seine erste Anstellung trat er bei der Fa. Steinberg in Paderborn an. Nach einem Jahr in der ostwestfälischen Bischofsstadt wechselte er dann ins Kaufhaus  Gräfenberg nach Göttingen in die Weender Straße. Wegen seiner fachlichen Qualifikation stellte ihn die Fa. Louis Gräfenberg als 1. Verkäufer und Disponenten ein. Max Rothenberg vertrat seinen Chef Richard Gräfenberg als Geschäftsführer, wenn dieser auf Reisen war. Zusätzlich regelte er die Personalangelegenheiten.1

Kam seinem Ausschluss aus dem Turnverein durch Rücktritt zuvor

Zehn Jahre lang arbeitete Max Rothenberg für die Firma Gräfenberg. Bis 1933 war der begeisterte Sportler Mitglied in der Turn- und Sportvereinigung von 1801 Göttingen.2 In diesem Jahr beschloss die Deutsche Turnerschaft (DT), dass Juden keine Mitglieder in deutschen Turnvereinen mehr sein sollten. Der überragende Geräteturner, dem gute Chancen auf einen Start bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin eingeräumt wurden, kam seinem Rauswurf durch den freiwilligen Austritt zuvor. Am 27. Mai 1933 schrieb August Fischer, 1. Vorsitzender Turnrat des Göttinger Vereins, Max Rothenberg einen Brief:

„Lieber Turnbruder Max Rothenberg, der Turnrat hat mit Bedauern von Ihrem Entschluss Kenntnis genommen. In den Jahren unserer Zusammenarbeit haben wir Sie kennen und schätzen gelernt. Für Ihre Arbeit, die Sie für unsere Vereinigung, für die DT und für unser deutsches Vaterland geleistet haben, sagen wir Ihnen herzlichen Dank. Sie wissen, dass wir an dem Entschluss der DT nichts werden ändern können und danken Ihnen, dass uns durch Ihr Schreiben eine peinliche Aufgabe erspart blieb. Durch die Aufgabe Ihrer Mitgliedschaft ist unsererseits eine Störung unserer freundschaftlichen Beziehungen nicht eingetreten.
Mit deutschem Turnergruß
Der gesamte Turnrat der Turn- und Sportvereinigung von 1801 Göttingen
August Fischer, 1. Vorsitzender"4

Das Schreiben des Turnrats liest sich wie eine Ohrfeige für die DT. Als Richard Gräfenberg 1936 auf Druck der NSDAP sein Kaufhaus abgeben musste, schrieb Nachfolger Heinrich Daalmann ein sehr gutes Zeugnis für seinen jüdischen Angestellten Max Rothenberg, den er wegen der Agitation der Nationalsozialistischen Betriebszellen Organisation (NSBO) nicht mehr halten konnte. Sein letzter Satz im Zeugnis lautete:

„Er verlässt nur mit Rücksicht auf die veränderten Verhältnisse mein Geschäft"5

Auch hier schimmert das Bedauern durch, den ausgezeichneten Mitarbeiter entlassen zu müssen. Offenbar waren selbst nicht alle Profiteure der „Arisierung" mit den antijüdischen Ausgrenzungsmaßnahmen durchweg einverstanden. Nachdem man ihm, nach der sportlichen, auch die berufliche Perspektive geraubt hatte, hielt Max Rothenberg nichts mehr in Göttingen. Für ein halbes Jahr ließ er sich in der westniedersächsischen Textilindustriestadt Nordhorn nieder, wo ihn die Fa. Textil- und Modewaren Friedrich Salomonson einstellte. Dann zog er mit Ehefrau Emmi und Tochter Margot nach Hannover um. Max Rothenberg fand noch einmal eine Stelle in seinem gelernten Beruf. Bei der Fa. Texta Textil Etage musste er aber auf die Hälfte seines früheren Einkommens verzichten. In Göttingen hatte er auf Grund seiner Qualifikation und der herausragenden Stellung bei Gräfenberg 600 RM monatlich verdient. Ein Einkommen, das dem des gehobenen Beamtendienstes entsprach.

Das Beschäftigungsverhältnis in Hannover bestand fast zwei Jahre. Erst nach dem Pogrom im November 1938 verlor er erneut seinen Arbeitsplatz. Wie fast alle jüdischen Angestellten musste sich Max Rothenberg von nun an mit kurzzeitigen Jobs durchschlagen. Für wenige Tage arbeitete er im Straßenbaugeschäft Georg Berneburg in Hannover-Linden, dann – Anfang 1939 – für drei Wochen als Aushilfe im Manufakturwarengeschäft Gebr. Bernstein. Nachdem auch dieses Geschäft zwangsarisiert worden war, blieb nur noch eine Tätigkeit als Gartenarbeiter auf dem Friedhof An der Strangenriede. Zu dieser Zeit war die Flucht aber schon beschlossen und organisiert. Nach drei Monaten Friedhofsarbeit verließ Max Rothenberg mit seiner Familie das Deutsche Reich für immer.

Am 04. Mai 1939 hatten Rothenbergs in Hamburg ihre Visa mit den Quotennummern 17015-17017 erhalten, am 15. Mai verließ Max Rothenberg mit Ehefrau Emmi und Tochter Margot auf der Manhatten die Hansestadt. Das Affidavit hatte der Bruder Max Rothenbergs, Werner, gestellt. Er lebte in der 169. Straße West in New York, im Stadtteil Washington Heights. Diese Adresse war auch der erste Anlaufpunkt für die Familie. Die Passagierliste gab als Beruf Max Rothenbergs Gymnasiallehrer an, so gelangte der Angestellte schneller an ein Visum nach der deutschen Quote. Die Überfahrt kostete insgesamt 1.125 RM, Gepäck, Bordgeld und andere Reisekosten, nicht eingerechnet. 

Max Rothenberg fand in seinem Beruf keine Arbeit mehr

In New York fand Max Rothenberg relativ schnell einen Job, verdiente 1939 allerdings nur 300 $. Bis Ende des Krieges verbesserten sich seine Jahreseinkünfte auf 900 $, zum Lebensunterhalt der Familie wird seine Ehefrau Emmi beigetragen haben. Erst 1954 war das Gehalt Max Rothenbergs auf 3.000 US-$ angestiegen. Zu dieser Zeit arbeitete er als Bäcker. Ab 1955 erhielt die Familie Entschädigung nach dem BEG. Dadurch konnte die größte finanzielle Not der Geflüchteten gemildert werden. Ab 1970 bekam Max Rothenberg eine Rente von 540 DM monatlich von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Er verstarb am 01. Oktober 1993 in Pasco, Florida.


Fußnoten

1 Zum Kaufhaus Gräfenberg siehe: Alex Bruns-Wüstefeld, "Lohnende Geschäfte", S. 266-273.

2 Angaben zu Max Rothenberg auf Basis der Dokumente aus dem Entschädigungsverfahren, NLA-HStAH, Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 116280.

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