Die Baruchs 1875-1946

Einleitende Worte zum Text von Jet Baruch

Im Oktober 1933 verließen mit dem Schlachter Abraham Baruch (1875-1943) und seiner Ehefrau Bertha, geb. Jacobsohn (1871-1943), die letzten Angehörigen einer niederländisch-deutschen Familie jüdischer Herkunft die Universitätsstadt Göttingen, deren Schicksal exemplarisch stehen kann für die transnationalen Verbindungen jüdischer Familien in West- und Mitteleuropa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im Jahr 1780 kam der koschere Schlachter Henoch Baruch vom fränkischen Bamberg nach Bellingwolde in der Provinz Groningen in den Niederlanden und heiratete eine Niederländerin. Die Tradition des koscheren Schlachtens blieb bei den Baruchs in den folgenden Generationen erhalten. Henoch Baruchs Ur-Enkel Abraham heiratete 1901 Bertha Jacobsohn, die in Pattensen bei Hannover gelebt hatte, in Oldersum bei Emden. Abraham Baruch hatte acht Geschwister, er überließ den Familienbetrieb in Bellingwolde einem jüngeren Bruder und zog mit seiner Ehefrau Bertha und der 1902 in Ostfriesland geborenen Tochter Johanne nach Göttingen, wo er wieder eine koschere Schlachterei gründete.

Das furchtbare Schicksal der Familien Baruch und Jacobsohn zur Zeit der Shoa wird allein daran deutlich, dass von den acht Geschwistern Abraham Baruchs sieben in Auschwitz und Sobibor ermordet wurden, so wie auch die Schwester und die Nichte von Bertha Baruch.
Abraham und Bertha Baruch wurden 1943 von Twello in den Niederlanden nach Sobibor deportiert und dort, kurz nach ihrer Ankunft, ebenfalls ermordet.
Ihre in Göttingen geborene Tochter Hella, 1903-1943, wurde in Amsterdam bei einer Razzia gefasst und 1943 nach Sobibor verschleppt. Von dort kehrte sie nicht zurück.
Vier Geschwister Hellas überlebten die deutsche Besatzung der Niederlande in Verstecken oder durch Flucht in die USA und nach England.

Die Geschichte der Familie Baruch hat Abrahams Enkelin Jet Baruch aufgeschrieben, die Anfang der 2000er Jahre mit ihren Töchtern auf den Spuren der Familie Baruch in Göttingen war.

Die Baruchs 1875-1946

von Jet Baruch

In der Düsteren Strasse 10/11 befand sich das Geschäft meines Großvaters Abraham Baruch, eine koschere Schlachterei. Im Keller wurde das Fleisch für den Verkauf zubereitet. Hinter dem Geschäft lag die Wohnung. Sie bestand aus vier Zimmern, in denen meine Großeltern und ihre fünf Kinder 20 Jahre lang wohnten. Am Ende der Straße befand sich eine Scheune, in der meistens eine Kuh stand, die geschlachtet werden sollte, manchmal auch ein Kalb oder ein Schaf. Zu Zeiten, als es meinem Großvater geschäftlich sehr gut ging, etwa von 1918 bis 1923, besaß er sogar eine Kutsche, mit der die Familie an schönen Tagen ausfuhr.

Das Haus in der Düsteren Straße, die Mühle und die kleine Brücke kennen wir alle schon lange aus den Erzählungen meines Vaters. Über die Brücke lief er zur Schule, im Leinekanal wäre er beinahe ertrunken, weil er nicht schwimmen konnte. Im Bett der Leine sprangen sie von Stein zu Stein bis zur gegenüber liegenden Seite. Im Umland von Göttingen wurden Pilze gesucht. Auf dem Wall, der alten Stadtmauer, pflückten mein Vater und seine Freunde große Sträuße von Kräutern, damit der Biologielehrer sie bestimmen konnte. Schöne Geschichten, angenehme Jugenderinnerungen.

Wir sahen sie alle vor uns, als wir dort standen. Was wir uns weniger vorstellen konnten, waren die unangenehmen Erinnerungen, die mein Vater in dieser Straße und in dieser Stadt auch gehabt haben muss. Diese Geschichten kennen wir nicht. Und auch deswegen sind wir nach Göttingen gekommen.
Zuerst beschlossen wir, die anderen Adressen aufzusuchen, an denen mein Großvater nach dem Umzug von Bellingwolde nach Göttingen im Jahr 1902 gewohnt hat.

Mein Großvater verzog kurz nach der Jahrhundertwende von Bellingwolde nach Deutschland. Er war zuhause, zusammen mit seiner Zwillingsschwester, der Älteste. Seine Mutter war schon früh Witwe geworden. Die Schlachterei, die von der Familie nach dem Tod des Vaters weitergeführt wurde, brachte zu wenig ein. Sein jüngerer Bruder, der mit einer deutschen Frau verlobt war, sollte die Schlachterei daher allein übernehmen.

In Norddeutschland, in der Gegend von Emden, lernte mein Großvater seine zukünftige Frau, Bertha Jacobsohn, kennen. 1902 wurde die erste Tochter, Johanne, geboren. Kurz nach der Geburt reisten sie zunächst in den Ort in der Nähe von Hannover, aus dem meine Großmutter stammte. Im März 1902 mieteten sie dann eine Wohnung in der Groner Straße in Göttingen. Hier wurde 1903 noch eine Tochter geboren, Hella. Dann zogen sie in die Königsallee außerhalb der Innenstadt. Es wurde nur ein kurzer Aufenthalt, denn schon 1905 wohnten sie im Papendiek, wo mein Vater Siegfried zur Welt kam. Ihre dritte Tochter Martha wurde wieder an einer anderen Adresse geboren, in der Johannisstraße. Es folgte noch ein Umzug in die Groner Straße, schließlich mieteten sie 1913 das Haus mit Geschäftslokal [in der Düsteren Straße], in dem ihr letztes Kind geboren wurde, Sohn Kurt.

Alle Adressen, an denen mein Großvater gewohnt hat, liegen – mit einer Ausnahme – im Zentrum der Stadt. Und in allen Fällen sind es Geschäftshäuser, mit eben dieser Ausnahme. Ein Jeansgeschäft, ein Antiquariat, ein Uhrmacher. Mein Großvater hatte an allen Adressen eine Schlachterei, auch wenn das Adressbuch der Stadt das nicht durchgängig bestätigt. Schlachterei ist vielleicht auch ein zu großes Wort. Es war wahrscheinlich eher ein Ladengeschäft, in dem er das Fleisch der von ihm selbst geschlachteten Kuh oder dem Kalb verkaufte. Heute sind Metzger und Schlachter zwei verschiedene Berufe, mein Großvater war beides in einem.

Alle Adressen waren leicht zu finden. Wir machten Fotos und konnten uns nur schwer vorstellen, dass dort, wo heute Jeans hängen, einst Würste und Steaks lagen.
Mein Großvater ging regelmäßig zum hiesigen Schlachthof, wo man ihn wegen seiner jüdischen Herkunft häufig beschimpfte. Aus diesem Grund änderte er 1922 seinen Vornamen in Adolf! Auf dem einzigen Foto, dass es von seinem Geschäft gibt, ist auch zu lesen: Adolf B... Großschl(achterei).

Den Vornamen Adolf trugen Juden zu dieser Zeit eher selten. Die Geschichte der Namensänderung wurde später auch durch die Aussage eines nichtjüdischen Mitarbeiters meines Großvaters bestätigt. Auch er berichtete, dass man ihn auf dem Schlachthof fast immer beleidigte. Vielleicht hoffte mein Großvater, so vielleicht als weniger oder gar nicht jüdisch erkannt zu werden. Seine jüdische Herkunft spielte für ihn keine Rolle mehr, er war assimiliert und Sozialist.

Im Göttinger Stadtarchiv fand sich auch die Korrespondenz meines Großvaters mit dem niederländischen Konsul in Hannover vom Beginn der 1930er Jahre. Handgeschrieben und kaum zu entziffern. Dass er sich an den niederländischen Konsul wandte hatte den Hintergrund, dass er sich nie als Deutscher hat einbürgern lassen. Nach der Familienerzählung war er so wütend über den Ersten Weltkrieg, den aus seiner Sicht Deutschland verschuldete, dass er beschloss, Niederländer zu bleiben. So wurden auch seine Kinder als Niederländer geboren.

Ich schlug meinem Vater einmal vor, zusammen nach Göttingen zu fahren. „Ach", sagte er, „was soll ich da, da ist nichts mehr". Als ich selbst dort war, begriff ich seine Worte. Aber gerade weil er so wenig erzählt hat, war er für mich noch sehr viel „dort". Es waren vor allem Häuser und Universitätsgebäude, die er in seinen wenigen Erzählungen ausgezeichnet beschrieb. Eines hatte sich aber seit unserem letzten Besuch verändert: Das Geschäft in der Düsteren Straße, zuvor ein Ramschladen, war nun ein türkisches Gemüsegeschäft. Angemessen, wie wir fanden.

Göttingen

Bei ihrer Trauung im Juni 1901 war Bertha bereits schwanger. Am 12. Februar 1902 wurde in Oldersum (bei Emden) das erste Kind geboren: Johanne. Ihre Großmutter hieß ebenfalls Johanna. Keinen Monat nach der Niederkunft zogen Abraham und Bertha in die Groner Straße nach Göttingen. Göttingen war eine naheliegende Wahl. Es liegt nicht weit von der Geburtsstadt Berthas, Sudheim, etwa 20 Kilometer entfernt, und war seinerzeit eine Stadt mit einer relativ großen jüdischen Gemeinde, um die 400 Mitglieder bei knapp 40.000 Einwohnern. Im Jahr 1906 ließ sich auch sein Bruder Jakob in Göttingen nieder.

Zwischen 1902 und 1913 wohnten Baruchs an sechs verschiedenen Adressen. Es wurden vier weitere Kinder geboren: Hella, Siegfried (Friedel), Martha und zum Schluss 1913 Kurt. Er wurde in der Düsteren Straße geboren und sollte dort bis 1933 wohnen bleiben.

Eine nicht sehr breite Straße, die Richtung Zentrum auf die Groner Straße zuläuft und in die andere Richtung, getrennt durch die Hospitalstraße, auf den Stadtwall, der noch heute das gesamte alte Stadtzentrum umschließt. Hinter der Düsteren Straße verläuft der Leinekanal, der etwas südlicher in die Leine fließt. Der Fluss kam oft vor in Friedels Erzählungen, und sei es, damit er aus einem Gedicht von Ringelnatz zitieren konnte: „Ein Wiesel saß auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel ...".

Um 1900 wurde außerhalb des Walls viel gebaut, Friedel ging über den Wall in die nahe gelegene Grundschule. Er musste dann über zwei kleine Brücken über den Leinekanal, einen kleinen Pfad entlang, vorbei an einer großen und einer kleine Wassermühle, die dort heute noch stehen. Die große läuft sogar noch. Jedes Mal, wenn er dort lang ging, sah er das Bismarckhäuschen, ein kleines Haus, in dem Otto von Bismarck um 1830 für kurze Zeit wohnte, bevor er verbannt wurde. Heute befindet sich dort ein kleines Museum.

Das Haus in der Düsteren Straße war 1903 errichtet worden, die Familie Baruch mietete nun eine Wohnung beim Eigentümer, der selbst Schlachter war. Die Wohnung besaß vier Zimmer, die auf der Seite zu einer schmalen Strasse lagen, welche auf einen Platz mit der St. Nikolaikirche führte. Im Keller bereitete man das Fleisch für den Verkauf vor, aus dem meistens Hartwurst hergestellt wurde. Den Rest verkaufte man zum Braten oder Kochen. In einer Werbeanzeige von 1933, zweifellos eine der letzten, wird der Preis für das Pfund Fleisch mit 65 Pfennig angegeben. Abraham kaufte sein Vieh selbst und schlachtete es im Schlachthof, der aus dem Jahr 1883 stammte. Meistens zwei Rinder zu Beginn des Monats und noch eins an dessen Ende.
Das Geschäft lief ganz ordentlich, auch während des Ersten Weltkriegs. Die Nachkriegs-Inflation, als Folge der im Versailler Friedensvertrag festgelegten Reparationszahlungen, dürften sie gespürt haben. Wie bizarr die Inflation war, hat Friedel so beschrieben: „1923 hat die Familie eine kleine Erbschaft erhalten, wovon Einkäufe getätigt werden sollten. Die Inflation ging so schnell, dass am Tag des geplanten Einkaufs nicht mehr genug da war, um mit der Familie Kuchen essen zu gehen."

Aber das Einkommen reichte, das Geschäft war gut eingeführt und meistens waren auch ein oder zwei Lehrlinge beschäftigt. Alle Kinder konnten nach der Grundschule auf die Realschule gehen oder eine Berufsausbildung machen. Friedel ging 1929 sogar auf die Universität.

Probleme gab es nur auf dem Schlachthof, wo Abraham regelmäßig den Schikanen wegen seiner jüdischen Herkunft ausgesetzt war. Darum nahm er gerne seinen nichtjüdischen Knecht Wilhelm Eglinsky mit, einen Freund seines Sohnes Siegfried. Dann änderte er seinen Vornamen in Adolf, wie schon berichtet.

Auch Siegfried wurde beleidigt, obwohl das kaum an seinem Namen gelegen haben kann! An seiner Schule sollte z.B. ein Klassenfoto geschossen werden und man machte ihm deutlich, dass er sich besser hinten aufstellen sollte. Obwohl die Familie Baruch nie religiös war, ihr Glaube niemals eine Rolle gespielt hatte, wussten alle, dass Baruch eine koschere Schlachterei hatte. Und damit war die Familie in den Augen der Außenwelt jüdisch.

1929

Der Crash an der Wall Street hatte große Auswirkungen, auch in Göttingen. Die Arbeitslosigkeit stieg schnell an, in der Stadt ließen sich immer mehr Menschen von außerhalb nieder, die als kleine selbstständige Geschäftsleute ihr Brot verdienen wollten, darunter ziemlich viele Schlachter. Im Jahr 1933 gab es dort 43 Schlachtereien.

Das Geschäft von Abraham kam dadurch in finanzielle Schwierigkeiten. Um den Betrieb nicht zu verlieren, wurde er 1929 auf den Namen von Siegfried überschrieben, zu dieser Zeit 24 Jahre alt. Sein Vater blieb natürlich der Geschäftsführer. Siegfried schrieb sich im Mai des Jahres an der Georg-August-Universität in Göttingen ein, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren.

Die Jahre zuvor hatte er sich, auf Anraten seines Vaters, mit dem Großhandel vertraut gemacht. Er fand es fürchterlich, vermutlich hatte er auch kein Talent dafür. Von seiner Studienzeit besitze ich noch sein Anmeldungsbuch, ein kleines blaues Büchlein. Darin ist aufgelistet, welche Kurse er in welchem Semester belegte. Aufgeführt ist die Zeit von Ostern 1929 bis Mai 1930. Es musste für jedes Fach bezahlt werden und hinter jedem steht der Name des Professors. Preiswert war das nicht, es kostete pro Kurs fünf bis zehn Reichsmark.

Aus dem Wintersemester 1930/ 1931 gibt es noch eine weitere Ausweiskarte: Herrn Dipl. rer. pol. Baruch. Viele Kurse werden nicht mehr dazu gekommen sein, denn Anfang 1931 verlässt er die Universität und zieht im Februar nach Hamburg.

Am Ende des Jahres wird das Geschäft auf Martha überschrieben. Sie bleibt bis März 1933 Eigentümerin. Danach wird Kurt, 20 Jahre alt und noch zuhause wohnend, für kurze Zeit Eigentümer. Das Geschäft war da nur noch eine leere Hülse.

Die anderen Kinder waren aus Göttingen verzogen. Hanna (Johanne) ging 1926 nach Hannover, Hella, das zweite Kind, war 1925 in die Niederlande gezogen und ging dann von dort 1927 nach Berlin. Martha wohnte 1927 für einige Zeit in Hamburg und Berlin, kehrte aber 1929 wieder nach Göttingen zurück. Kurt besuchte 1929 als 16-Jähriger die Oberrealschule [heute Felix-Klein-Gymnasium], auf der er bis zur Untersecunda – eine Klasse vor dem Abschluss – blieb. Nach seinem Abgang folgte eine Lehre bei einem Möbelmacher, Herrn W. Körber, gleichzeitig machte er eine Ausbildung an einer Kunstgewerbeschule. Sein großer Wunsch war, Innenarchitekt zu werden.

Das Jahr 1933

Obwohl es der Familie bis zum Crash 1929 relativ gut ergangen war, sollte letztlich doch die Entwicklung nach 1922 zu ihrem Fortgehen führen. In dem Jahr wurde in Göttingen der Ableger von Hitlers Partei, der NSDAP, gegründet. Die Anhängerschaft der Nationalsozialisten wuchs schnell (der Ärger über den Versailler Frieden und die sich daraus ergebende Inflation von 1923 trugen dazu bei). Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Am selben Abend gab es in Göttingen einen großen Fackelzug mit ca. 2.000 Nazis.

Am 05. März 1933 fanden Reichstagswahlen statt. In Göttingen stimmten fast 52 Prozent für die NSDAP. Häuser und Geschäfte von linken und jüdischen Einwohnern wurden beschmiert und in den Tagen nach den Wahlen viele Fensterscheiben eingeworfen, auch die von Abraham. Am 17. März gab es antijüdische Aktionen und am 28. März eine kleine „Kristallnacht", organisiert von der SA. An der Synagoge und bei mindestens 16 jüdischen Geschäften wurden die Scheiben eingeworfen. Auch wieder in der Düsteren Straße 10/11. Kurz darauf folgte ein Boykott der Geschäfte mit jüdischen
Inhabern.

Mit Antisemitismus hatten die Baruchs ihre Erfahrung, obwohl das Jüdischsein in ihrem Leben keine große Rolle spielte. Sie betrachteten sich selbst als assimiliert, als Deutsche, allerdings als linke Deutsche, die als Kommunisten angesehen wurden. Siegfried hatte sich 1930 tatsächlich als Mitglied bei der kommunistischen Partei, der KPD, angemeldet.

Und Kurt schloss sich 1931 der kommunistischen Jugendbewegung an, der Antifa (Antifaschisten). In Göttingen gab es, im Bevölkerungsdurchschnitt, mehr NSDAP-Anhänger als im Reich, SS und SA wurden zunehmend aktiver. Das berichtete Kurt 1932 seiner Schwester Hanna in einem Brief. Bei Demonstrationen kam es ständig zu Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Antifaschisten. Vor allem die Antifaschisten sperrte man danach ein.

Gleich nach dem 05. März wandte sich Abraham mit der Bitte an das niederländische Konsulat in Hannover, die Göttinger Polizei möge ihm Schutz gewähren. Auch fragte er um Unterstützung bei der Antragstellung für Schadenersatz nach. Die Polizei ließ das Konsulat wissen, dass A: die Täter nicht ermittelt werden konnten, und B: dass Baruch alles sich selbst zu verdanken habe. Er habe zugestanden, dass in seiner Wohnung kommunistische Zusammenkünfte stattgefunden hätten, womit seine eigene kommunistische Gesinnung deutlich geworden wäre. Zitat vom 30. März 1933: „Lediglich diesem Umstande hat er die erlittene Sachbeschädigung (sich selbst) zuzuschreiben." Es wurde noch hinzugefügt, dass Baruch sich auf dem Schlachthof anmaßend und beleidigend verhalten hätte, worauf der Leiter versucht haben soll, ihm den Zugang zu versagen. Nach dem 28. März erbat Abraham beim Konsulat erneut um Schutz für die Familie. Die Polizei reagierte wie zuvor, mit der noch schärferen Behauptung, dass Baruch selbst hinter den kommunistischen Versammlungen in seinem Haus stünde, die verbrecherischen, staatsfeindlichen Taten der Kommunisten unterstütze und dass sich die Täter darüber geärgert und provozieren lassen hätten. Die Botschaft war die: wenn Baruch sich nicht mehr staatsfeindlich betätige, könne die Polizei dafür sorgen, dass sein Haus nicht mehr beschädigt würde. Mit der Einschränkung: „soweit irgend möglich." Soweit ein Schreiben vom 04. April 1933. Am 07. April wurden erneut die Scheiben eingeschlagen, in einem weiteren Schreiben vom 08. April stand allerdings: „Die Familie Baruch ist bis jetzt in keiner Weise belästigt worden". Nach dem Krieg sollte der Gehilfe von Abraham, Wilhelm Eglinsky, erklären, dass im März [1933] von der anderen Straßenseite in die Wohnung geschossen worden war, dabei sei aber niemand verletzt worden.

Und es wurde immer schlimmer. Am 11. April setzte sich der neue Stadtrat zusammen, ohne die Sozialdemokraten, Hitler wurde zum „Ehrenbürger" vorgeschlagen, der Boykott jüdischer Geschäftsleute offizielle Politik, vier kommunistische Lehrer entlassen. Nach dem Januar waren die Kommunisten und Sozialisten zur Zielscheibe geworden, viele von ihnen wurden verhaftet. Sie konnten freikommen, wenn sie eine Erklärung unterschrieben, dass sie sich nicht mehr politisch betätigen würden. Außerdem mussten sie sich täglich melden. Die Universität entließ mehr als 52 Professoren, Dozenten und Angestellte. Unter den Professoren waren mehrere Nobelpreisträger.

Die Situation für die Baruchs war ziemlich aussichtslos, eine nach dem anderen verließen sie Deutschland. Hanna war schon 1931 nach London gezogen, arbeitete dort als Haushaltshilfe. Hella ging 1933 nach Amsterdam. Zeitweilig wohnte sie in Twello. Am 13. Mai 1933 zog auch Kurt nach Amsterdam. Martha lernte in Göttingen ihren zukünftigen Ehemann kennen, Horst Galley, und siedelte mit ihm am 29. März 1933 nach München über. Später gingen sie nach Wien, wo sie 1934 heirateten. Dort kam auch ihr ältester Sohn Anselm zur Welt. Ende der 1930er Jahre emigrierten sie nach New York. 1945 bekamen sie ihren zweiten Sohn, Johannes. Erst in den 1990er Jahren hörten wir, wie es mit Martha und Horst weiter gegangen war. Beide starben kurz nacheinander, 1959 und 1960. Ihre Kinder kamen in den 1990er Jahren in die Niederlande, um ihre unbekannte Familie zu besuchen, von deren Existenz sie bis dahin nichts wussten.

Und Siegfried? Er emigrierte nicht aus eigenem Antrieb, am 08. März 1933 wurde er als „lästiger Ausländer" abgeschoben. Er kam in Amsterdam zurecht, ohne Geld und ohne niederländisch zu sprechen, aber als holländischer Staatsbürger, so wie alle fünf Kinder, mit Dank an Opa Abraham.

Die Situation hatte sich in Göttingen, wie überall in Deutschland, für jüdische Geschäftsleute derartig verschlechtert, dass vom Geschäfte führen keine Rede mehr sein konnte. Am 06. Oktober 1933 verzogen Abraham und Bertha als letzte in die Niederlande. Die Familie Baruch lebte nun verstreut, in England, den Niederlanden und Österreich. Am 14. Oktober [1933] wurde das Geschäft abgemeldet. Das Ende des Betriebs, das Ende von 20 Jahren Leben in Göttingen. Am 08. November richtete sich ein „arischer" Schlachter im Geschäft ein, allerdings nicht für sehr lange. Im August 1934 zwang ihn die Gewerbeaufsicht, wieder auszuziehen: Laden und Keller waren zu dreckig!

Siegfried/ Friedel, der „lästige Ausländer"

Von den fünf Kindern war es vor allem Siegfried, der sich seit seinem 20. Lebensjahr für Politik interessierte. Hauptsächlich für Lenin (die Russische Revolution von 1917 war gerade acht Jahre her). Er wurde Mitglied der KPD, bis er nach Hamburg zog, um dort weiterzustudieren. Er blieb aktiv, indem er Kurse in Marxismus-Leninismus für kleine Gruppen gab. Ob er noch ernsthaft studierte, ist nicht ganz klar. Vermutlich brauchte er seine Bibliothekskarte, ausgestellt am 16. Februar 1931, hauptsächlich zur Vertiefung seiner Kenntnisse im Marxismus und weniger zum Studium der Wirtschaftswissenschaften. Als er gerade einen Kurs in einem Café gab, wurde er mit einigen anderen zusammen verhaftet. Es war der 15. Januar 1932.

Über seine Verhaftung und die Zeit im Gefängnis gibt es ein paar kurze Zeitungsberichte, offizielle Korrespondenz aus dem Bundesarchiv in Berlin und einen Brief an meine Tante Hanna in London. Der erste Zeitungsbericht stammte aus der Hamburger Volkszeitung, einem kommunistischen Blatt, vom 20. Januar 1932.

Dort kam die Sprache auf eine Hausdurchsuchung im Parteibüro der KPD im Stadtteil Altona (Hamburg), auch die Festnahme der Parteigenossen wurde erwähnt, unter ihnen Siegfried. Der zweite Bericht wurde in der H.F. (Hamburger Fahne?) am 27. Januar 1932 veröffentlicht. Einer Zeitung, die offenbar nicht mit den Kommunisten sympathisierte. Die Verhaftung am 15. Januar betraf 12 Personen.

Man verdächtigte sie der Vorbereitung von „hochverräterischen Maßnahmen": „Es handelt sich um eine Zusammenkunft sogenannter kommunistischer Schulungsleiter. Das Thema der Beratungen lautete: Die Lehren der Januarkämpfe 1919." Elf der Beschuldigten ließ man kurz darauf wieder frei, Baruch hielt man weiterhin fest. Inhalt der Veranstaltung war der Aufstand vom Januar 1919 in Berlin gewesen, organisiert durch den radikalen linken Spartakusbund unter der Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der Aufstand richtete sich gegen Gruppierungen, die vor 1918 an der Macht waren und sich, nach Meinung der Spartakisten, wieder zuviel Einfluss verschafften. Seit 1918 war Deutschland eine Republik, ab Februar 1919 die demokratische Weimarer Republik. Der Aufstand der Spartakisten wurde durch die Sozialdemokraten und ihre Unterstützer niedergeschlagen. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden verhaftet und kurz darauf ermordet. Der Spartakusbund hatte sich schon im November 1918 in KPD umbenannt. Selbstverständlich war dieser Januaraufstand ein bedeutendes Thema für junge Kommunisten in Hamburg. Für die Staatsmacht offenbar Grund genug, sich Sorgen darüber zu machen, dass allein aus der historischen Kenntnis Taten folgen könnten.
Der Prozess, in dem es um den möglichen Hochverrat ging, fand am 20. September 1932 vor dem Oberreichsanwalt in Leipzig statt. Ein Rechtsanwalt versuchte noch darauf hinzuweisen, dass von Hochverrat doch keine Rede sein könne und verwies auf vergleichbare Anklagen gegen Nationalsozialisten, die freigesprochen worden waren. Er konnte nichts erreichen.

Ein Bericht vom 22.09.1932, wieder in der Hamburger Volkszeitung, erschien unter der Schlagzeile: „15 Monate Gefängnis für Genossen Baruch", mit acht Monaten Abzug für die Untersuchungshaft. Blieben noch sieben. Es wird deutlich, dass Genosse Baruch Mitarbeiter, selbst Redakteur der Zeitung war.

Aus dem Gefängnis schrieb er regelmäßig an seine Schwester Hanna in England. Der erste Brief datiert vom 04. Februar 1932, er kam aus dem Gefängnis Altona, kurz nach der Verhaftung. Der Letzte vom März 1933 kam aus Flensburg, nah an der dänischen Grenze. Nach seiner Verurteilung musste er dort den Rest seiner Strafe absitzen.

Es gab dort weitere politische Gefangene. Über die Zeit im Gefängnis erzählte er, dass die Beziehungen der Gefangenen sowohl zu den Wärtern und der Direktion als auch zu anderen Gefangenen sehr gut waren.
Anfang 1933 wurde immer deutlicher, dass Baruch ausgewiesen werden sollte. Maßnahmen, dies zu verhindern, u.a. durch die deutsche Rote Hilfe, bewirkten nichts. Am 03. März 1933 erhielt er im Flensburger Gefängnis die Mitteilung, dass „Sie hiermit als lästiger Ausländer aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewiesen werden". Verbunden mit der Drohung, wieder inhaftiert zu werden, sollte er ohne Erlaubnis die Grenze wieder überschreiten.
Die Ausweisung basierte auf einer neuen Verordnung, nach der vorbestrafte Ausländer des Landes verwiesen werden konnten. Am 07. oder 08. März begann seine lange Reise durch Deutschland, die in Zevenaar enden sollte. Am 18. März stand Siegfried ohne einen Cent an der niederländischen Grenze. Die Tage zuvor war er von einem Gefängnis zum anderen verlegt worden und musste miterleben, wie Mitgefangene von den Nazis misshandelt wurden, darunter auch Bekannte von ihm.

In einem späteren Interview sollte er sagen: „Nun, die kamen ins Konzentrationslager. Und ich kam in die Freiheit" (Buch Rote Hilfe in Groningen). Er lieh sich von einem Verkehrspolizisten Geld zum Telefonieren und rief jemanden von der Roten Hilfe in Amsterdam an. Dieser sorgte dafür, dass er in Amsterdam zurecht kam.
Dank eines Briefes der deutschen Roten Hilfe an die niederländische Rote Hilfe, den er als Nachweis bei sich trug, wurde er in Amsterdam versorgt. Am 19. März schrieb er wieder einen Brief an Hanna, diesmal aus Amsterdam: „Nach 11 Tagen Fahrt bin ich gestern Abend glücklich in Amsterdam angekommen. Erst jetzt erfahre ich allmählich, was wirklich dort vor sich geht. Alles ist viel schlimmer, als die ausländischen Zeitungen schreiben. Viele bekannte Genossen sind ermordet worden."
Seit ca. 1935 sollte Siegfried, der sich inzwischen Friedel nannte, als Verantwortlicher für die Aufnahme der deutschen antifaschistischen Flüchtlinge für die Rote Hilfe arbeiten. Er beherrschte die Sprache und kannte viele Menschen aus der KPD und ähnlichen Organisationen. Er empfand es als „Strafarbeit", die schwierigste Zeit in seinem Leben. Es ging um Menschenleben, er musste abwägen, ob ein Emigrant für Hilfe infrage kam oder nicht, und damit über das Risiko, nach Deutschland abgeschoben zu werden. Er arbeitete bei der IRH bis ungefähr 1938. Emotional war es fürchterlich. 1936 brach der Spanische Bürgerkrieg aus und die Rote Hilfe leistete nun auch Hilfe für Spanier.

Niederlande, 1933 – 1940

Mit der Familie Baruch waren tausende andere, Juden und Nicht-Juden, über die Welt verstreut vertrieben worden. So außergewöhnlich ist diese Geschichte somit nicht. Zufällig konnten sie „zurück" in die Niederlande, wobei natürlich nur Abraham ursprünglich Niederländer war und niederländisch sprach. Seine Ehefrau und Kinder kannten die Niederlande nicht, entsprechend sprachen sie auch die Landessprache nicht. Sie waren deutschsprechende Deutsche. Linke Deutsche, die plötzlich Juden geworden waren.

Ohne Probleme konnten sie über die Grenze und sich hier niederlassen. Letzteres war aber nicht so einfach, zumal es nicht leicht war, sich ohne Arbeit zu finden eine Existenz aufzubauen. Was das anging, befanden sie sich in derselben Lage wie alle nicht-niederländischen Emigranten und wie viele Niederländer selbst, die durch die Krise arbeitslos geworden waren. In Deutschland nahm die Arbeitslosigkeit nach 1933 ab, in den Niederlanden stieg sie noch an. Der Höhepunkt mit 30 Prozent Arbeitslosen in 1935 stand noch bevor. Für den 58-jährigen Abraham und seine 62-jährige Ehefrau waren die Vorzeichen nicht besonders günstig.
Nach ihrer Flucht aus Göttingen gingen Hella, Kurt und die anderen zunächst nach Amsterdam. Hella fand als Serviererin Arbeit in einem Restaurant und blieb in Amsterdam, Kurt verkaufte Eis und wohnte später in Rotterdam. Abraham zog mit Bertha nach Achterhoek bei Twello.

Dort fand er als einfacher Arbeiter eine Anstellung bei der „Twelloschen Exportschlachterei" der Gebrüder Zendijk. Sie wurde von drei jüdischen Brüdern geleitet und 1941 „arisiert". Nach drei Jahren, 1937, ging er auf Rente. Sie blieben in Twello und wohnten unter der Adresse Tuindorp 192. 1935 war auch Hanna von London nach Amsterdam gezogen und dort bis 1937 geblieben.
Im Jahr 1938 flüchtete Amanda, eine Schwester von Bertha, von Hannover in die Niederlande, gemeinsam mit ihrer Tochter Annaliese. Sie zogen nach Rotterdam, wo inzwischen auch Kurt lebte. Am 07. Dezember 1938 heiratete Kurt Annaliese, so dass sie in den Niederlanden bleiben konnte. Sie war „Schneiderin" und fand in Rotterdam auch umgehend Arbeit als Näherin.

Es gibt Bruchstücke, die meine Mutter mir erzählte und glücklicherweise zahlreiche Fotos. Fotos, die die spärlichen Archivfunde, schlecht lesbare dazu, anfüllen und aufwerten, Informationen zufügen, die nirgends sonst zu finden sind. Von Friedel zum Beispiel: Am Strand mit Hanna und Frieda 1933. Bis dahin hatte ich noch nie etwas von dieser Freundin aus Hamburg gehört, der Freundin womöglich? Auf Urlaub in den Niederlanden?

Friedel arbeitete bis Anfang 1938 für die Rote Hilfe (was er ja in Deutschland auch getan hatte). Seine Arbeit bestand in der Auswahl von politischen Geflüchteten, sie mussten politisch zuverlässig sein und um ihr Leben fürchten, sonst sollten sie in Deutschland bleiben. Bei Bedenken gab es keine Hilfe. Dabei wurden bestimmt auch Fehler begangen, aber die Mittel der IRH war damals sehr beschränkt. Mitglieder der verbotenen KPD bekamen Hilfe. Es scheint, dass die IRH 1938 aufgelöst wurde. Als Mitglied der CPN, der Kommunistischen Partei der Niederlande, arbeitete er zusehends mehr für die CPN und ihre Zeitung, das „Volkstageblatt". Er sprach nie über diese Zeit, außer in Interviews: „Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens, es ging um Menschenleben ...". So wie schon Ger Harmens in seinem Buch über Daan Goulooze schrieb: „Für aktive Antifaschisten in den Niederlanden begann die „Illegalität" schon im Februar 1933, nicht erst im Mai 1940." Auf Friedel traf das sicherlich zu, wahrscheinlich begann seine „Illegalität" schon in Hamburg 1931.

Meine Mutter, Mimi Postijn, lernte Friedel etwa 1936 kennen. Sie kannte schon einen Teil seiner Verwandten. In ihren Tagebüchern stehen kurze Anmerkungen zu Friedels Familie, etliche nicht ganz verständlich. Leider fangen die Tagebücher erst 1940 an. Meine Mutter Mimi war Grundschullehrerin an einer Montessori-Schule, als sie Friedel kennenlernte. Anfang 1937 zogen sie in die Jekerstraat 45. Ihr Vater, Jan Postijn, war Kunstmaler, in den 1930er Jahren als Anhänger von Domela Nieuwenhuis Sozialist mit anarchistischem Einschlag.

Mimi war also schon einige Zeit mit Friedel bekannt und eine Freundin, sie gingen gelegentlich zusammen essen, wie sie in einem Brief an ihre Eltern schrieb. Oder sie reisten mit Jan Otto [Mimis damaliger Beziehung] für ein Wochenende nach Bergen. „Jan Otto war auf der Rückreise genauso lieb wie auf der Hinreise, Puck meckerte gleich in Linie 25 über die schlechte Stadtluft, die sie anderthalb Tage los gewesen war" (Brief vom 22. Oktober 1936). Die Beziehung von Friedel mit dieser Freundin [Puck] hielt nicht stand. Etwa 1938 begann er eine Beziehung mit Mimi, die bis zu ihrem Tod 1993 halten sollte.

In den Jahren 1933 – 1939 gab es viele Probleme, allein die Fotos erzählen von den Kontakten zwischen den Familienteilen. Es waren keine schönen Jahre, denke ich mir. Vor allem das Foto von Friedel von 1939 spricht Bände.

1940 – 1945

Im September 1939 fiel Deutschland in Polen ein, im Mai 1940 in den Niederlanden. Den Familienteilen, die in den Niederlanden wohnten, war klar, was in Deutschland vor sich ging. Aber inwiefern sagte das etwas über ihre Situation in der Zukunft aus? Mussten sie sich Sorgen machen?

Friedel – und sicherlich auch Kurt – wussten, was Kommunisten, Juden und andere antideutsch Gesinnten unter der Besetzung zu tun hatten. Hella war da sorgloser, sie arbeitete noch regelmäßig in einem Restaurant in Amsterdam und versuchte, ihr Leben zu genießen, solang es ging. Bertha und Abraham waren im Jahr 1940 bereits 69 und 65 Jahre alt, ihr Leben war von da an schwierig. Aber die Niederlande waren nicht Deutschland, es sollte wohl nicht so schlimm werden. So ähnlich werden sie gedacht haben. Mein Großvater schien überdies sehr eigenwillig gewesen zu sein, guten Ratschlägen von seinen Söhnen soll er nicht gefolgt sein. Und welche Ratschläge konnten sie ihm im Mai 1940 schon geben?

Was ich über meinen Vater in den Kriegsjahren in Erfahrung bringen konnte, weiß ich von meiner Mutter, aber was er genau tat, ist nur schwer zu rekonstruieren. Mimi und Friedel waren nicht verheiratet, sie wohnten zusammen in der Jekerstraat. Mimi unterrichtete, Friedel schrieb für De Waarheid und leistete Parteiarbeit. Anfangs schien die deutsche Besatzung gelinde auszugehen (das blieb für die meisten Niederländer bis zum Februarstreik 1941 so, eigentlich sogar bis Ende 1943, ausgenommen natürlich die Juden in der Illegalität). Nach dem Verbot der CPN und vieler anderer Parteien und Vereinigungen, gingen diese in den Untergrund. Die Besatzer versuchten, so viele Kommunisten wie möglich zu fassen und so wurde Friedel im Juni 1940 verhaftet. Man brachte ihn ins Gefängnis an der Weteringschans. Er wurde nicht schlecht behandelt. Aber er wurde verhört und mit anderen Gefangenen konfrontiert, um zu sehen, ob er diese kannte (was auch so war, er ließ es sich aber nicht anmerken).

Die Deutschen waren auf der Suche nach einem bekannten Kommunisten – ich glaube, es handelte sich um Gerben Wagenaar – von dem sie nur seinem Decknamen kannten und nicht wussten, wie er aussah. Ob sie dachten, dass Friedel dieser Mann war? Vielleicht. Meine Mutter durfte ihn ab und zu besuchen. Dann berichtete sie ihm, wer alles verhaftet worden war und mit wem er konfrontiert werden konnte. Mimi tat so, als ob sie die Vermieterin von Friedel wäre, die ihn wegen der noch ausstehenden Miete sprechen wollte. Ganz schnell nannte sie dann die Namen der Verhafteten und wechselte dann wieder ins deutsche. „Ach Verzeihung", sagte sie dann, wenn sie angeschnauzt wurde, gefälligst deutsch zu sprechen. Wenn keine Verhöre stattfanden, spielte Friedel Schach mit einem Weißrussen. Nach einem Monat, am 06. Januar 1941, wurde Friedel frei gelassen. Er hatte seine Rolle gespielt und die Besatzer dachten, sie hätten den Falschen verhaftet.

Mimis Notizen

Ich erzählte schon, dass Mimi in ihrem Tagebuch der Jahre 1940-1945 viel über die Familie von Friedel geschrieben hat. Aber immer in kurzen Bemerkungen und nicht mit vollständigen Namen. Kleine Puzzleteile.

10. Mai 1940: KRIEG. Am 24. Mai geht sie wieder zur Arbeit in die Schule. Am 26. Juni steht dort, umrandet, „Fr. weg", soll heißen: Friedel verhaftet.

1943

03. Januar: In die Kohlenkiste passen 4,5 Hektoliter. 19. Januar: Fenster geputzt, Vorder- und Hinterseite. Regelmäßig steht dort, auch schon 1942: Nach Den Haag. Was wollte sie da? Auch reiste Mimi mit einiger Regelmäßigkeit nach Bilthoven, dort wohnte die Familie ihrer Mutter. 27. Januar: Gekocht. Ihre Eintragungen werden immer unverständlicher. „T. niedergeschlagen". Geht es um Tineke, die Tochter von Grethe? Am 20. März schreibt sie: T. geht es besser. Und am 21. März: T. wohlauf. Tinekes Vater, Willy la Croix, war verhaftet worden und Tineke wohnte dann zeitweilig in der Jekerstraat. Er kam 1944 in einem Lager in Deutschland ums Leben. Für den 31. März steht dort: Bertha 8-5-71, Anna 29-01-75. Baracke 24 B. Das musste bedeuten, dass meine Eltern wussten, dass Bertha und Abraham um das Datum herum abgeholt worden waren. Aber wer ist Anna? Oder steht dort Ama, für Amanda? Das muss es sein, denn sie ist am 29.01.1875 geboren. Am 07. April geht Mimi nach Deventer. Wer soll da sein? Wahrscheinlich einer der Baruchs. Kurt? 11. Mai: Marken holen. 09. Juni: Bezugsscheine besorgen. 23. Juni: Nach Artis (?). 13. Juli: 10 Uhr Friseur. 16. Juli: Nach Apeldoorn. 03. August: Nach Nieuw Milligen. 05. August: V. und M. in A'Dam. 25. August: Umziehen!! Das betraf ihre Schule, denn an 31. August schrieb sie: Beginn in der Hazestraat. Und erneut: Marken holen. 13. November: Nach Apeldoorn. 04. Dezember: Nikolausfest in der Schule. 1942 hat sie wieder mehr Kontakt mit ihrem Ex-Freund Otto und seiner Frau. Ansonsten scheint das Leben seinen gewohnten Gang zu gehen, sie bringt ihre Schuhe zum Schuhmacher, lässt beim Schneider Kleider ausbessern, Freunde kommen zum Essen und sie geht mit Freunden zum Kaffeetrinken in die Stadt. Allein das Wort „Marken" verrät, dass das Leben nicht normal war. Und natürlich Baracke 24 B. Vught? Westerbork? Und was wollte sie in Apeldoorn? Nirgends steht etwas über einen Scheck oder eine Postfiliale in Apeldoorn.

1945

Der Hungerwinter hat begonnen. 06. Januar: Zuckerrüben geholt. Der Schulbetrieb läuft noch, denn am 09. Januar geht Mimi wieder arbeiten. Bis zum 19. Januar macht sie Anmerkungen über das Wetter: Sturm, Schnee und Frost. Trotz allem fahren Opa und Oma am 29. Januar nach Bergen. Sie sind heimlich zurückgegangen, u.a. weil bei den Bauern in Bergen leichter an Essen zu kommen war. Immer wieder schreibt Mimi Briefe an ihre Eltern. Ihr Hund Tommy bleibt in Amsterdam. 05. Februar: Kohlen geholt. Ziemlich ungewöhnlich zu der Zeit. Am 09. März kommen Grethe, Tineke und Colette zum Essen! 15. März: 3 Uhr, Steno. Das ist doch ausgesprochen merkwürdig. Warum hält Mimi Steno für nötig? 16. März: Notration abgeholt. 31. März: nach Bergen (mit dem Fahrrad), und am 02. April wieder zurück in 2,5 Stunden. 26. April: nach Bergen mit Truus (die spätere Ehefrau von Kurt), wieder mit dem Fahrrad, nehme ich an. Und dann endlich: Samstag, 05. Mai: Kapitulation. 07. Mai: Steno, und: Frieden! 08. Mai: Kanadier eingetroffen. 09. Mai: Kundgebung auf dem Dam. Lebensmittel sind wieder in kleinen Mengen erhältlich. Mimi schreibt, mit den Markennummern dazu: Brot, Biskuit, Fett, Schokolade, Dosenfleisch und Käse. 23. Mai: Kurt gekommen. Ihr Leben verändert sich deutlich, viele Bemerkungen über Versammlungen, Feste, Essen bei den einen und den anderen, Kaffeetrinken mit diesen und jenen. Am 19. August verreist Friedel nach England und kommt am 06. September wieder zurück. Am 22. November geht er erneut bis zum 29sten. Bei einer der Reisen bringt er ein Fahrrad für Mimi mit, ich glaube, auch Apfelsinen und eine Armbanduhr für seinen Sohn Jan [aus der Beziehung mit Puck], den er all die Jahre nicht gesehen hat (Jan weiß nicht, wer der Herr ist, den er besuchen muss und der ihm die Armbanduhr schenkt. Danach bleibt der Kontakt bis 1959 wieder aus). Ende September weiß Mimi dann, dass sie schwanger ist, es gibt viele Anmerkungen über einen Dr. F. Maart. Es kann aber auch um etwas anders gehen. Am 07. November heiraten Mimi und Friedel und am 15. April 1946 bekommt Mimi eine Tochter, Henriette Johanna = Jetje.

Der Familie von Friedel erging es sehr tragisch. Bertha und Abraham wurden über Vught und Westerbork nach Sobibor deportiert (am 11.05.1943) und dort am 14. Mai 1943 ermordet, Hella am 09. April 1943 (sie wurde von Amsterdam, Amstel 83, nach Westerbork verschleppt und am 06.04.1943 deportiert). Die Brüder und Schwestern von Abraham und ihre Kinder kamen auch alle in den Konzentrationslagern ums Leben (Hermann und seine Ehefrau Amanda wurden aus Utrecht, Spechtstraat 2, nach Westerbork deportiert und von da aus weiter am 27.04.1943. Rebekka am 10.09.1942, Henderika am 14.01.1943, Aaltje am 19.02.1943, Jet am 14.10.1944, Sophia Ena am 25.01.1943). Blieb Roossien. Sie starb 1938. Amanda, die Mutter von Annaliese, wurde am 30. April 1943 in Sobibor ermordet, ihre Tochter Annaliese wahrscheinlich in Auschwitz am 30. September 1944. Oder Ende 1944, das schrieb Kurt an Hanna 1945.

Kurt und Friedel haben Dank falscher Papiere, dem Versteck und einer gehörigen Portion Glück den Krieg überlebt. Friedel tauchte mehr oder weniger bei Mimi unter. Für eine kurze Zeit hielt er sich auch in Bergen bei Oma und Opa auf. Ebenso wie Kurt, der den größten Teil des Krieges in Rotterdam und Deventer lebte. Von dieser Zeit erzählte Mimi die Geschichte, dass sie einmal wegen der Endeckungsgefahr das Haus verlassen und sich verstecken mussten. Es war Winter, es lag Schnee und Kurt verirrte sich. Als Friedel dann wieder im warmen Haus saß, kam auch Kurt endlich zurück, verfroren und verängstigt. Am Ende des Krieges war er in Achterhoek untergetaucht und als Mitglied der BS [niederländische Untergrundarmee] in Deventer an der Befreiung beteiligt, er hat noch auf die Deutschen geschossen.

Martha war in New York, mit ihr gab es einmal Kontakt, kurz nach Beginn der Besatzung, und einmal über Hanna kurz nach der Befreiung. Es existiert eine Karte von ihr und Hanna, vom 13. Mai 1940. Sie machten sich große Sorgen um ihre Eltern, Brüder und Schwester. Sie hofften, dass sie nach England flüchten könnten. Über das Rote Kreuz hatte Hanna einige Male Kontakt mit ihrer Familie in den Niederlanden. Am 11. Juni 1940 schrieb sie: „Mache mir Sorgen um euch. Martha schrieb". Auf diese Karte bekam sie die Antwort ihrer Eltern, dass es ihnen gut ging. Am 14. Januar 1941 wieder eine Karte von Hanna an ihre Eltern mit einem „Geburtstagskuss". Die Antwort ihrer Eltern, datiert vom 19. März: „Kurt und Ann waren über Ostern hier. Gut gefeiert. Alle gesund u. vergnügt. Friedel beim Kurt im Geschäft. Machen Gürtel. Tante immer in Twello" (vermutlich bekam Hanna diese Antwort am 21. Mai 1941). Dann gibt es noch einen richtigen Brief ihrer Eltern vom 09. Januar 1942. Der Teil von Bertha ist sehr schwer lesbar. Abraham schrieb etwas deutlicher, durchsetzt mit niederländischen Wörtern. Er gratulierte Hanna zum Geburtstag: „und hoffe, dass bis deine nachste geburtstag andere Zeiten haben und andere zeiten. Nu lebe wohl und bleib gezond. Deine Pappa." Auch Amanda fügte noch etwas dazu. Der letzte Rote-Kreuz-Brief von Hanna ist vom 05. August 1942: „Meiner sussen Jani (Pinny) und mir geht es sehr gut. Mach mir Sorgen über eure gesundheit." Auf der Rückseite eine Antwort von Kurt: „Liebe Hanna, kleiner Schatz, uns geht es allen gut. Wann sehen wir uns wieder?" Hanna hatte im Mai 1942 eine Tochter bekommen, Penelope Jane, kurz: Pinny.

Im Mai 1945 stellte Hanna eine Anfrage über ihre Familie an das Rote Kreuz. Die Antwort lautete: „Mit Bedauern müssen wir mitteilen, dass wir immer noch auf Listen von befreiten Personen aus den Lagern warten." Von September und Oktober 1945 gibt es wieder ein paar Briefe von Kurt und Friedel an Hanna in London. Kurt schreibt niederländisch, Friedel englisch. „Endlich können wir wieder alles schreiben, was wir wollen." Es ist ein trauriger Brief. Kurt schrieb über Pinny: „Ich schwöre dir, liebe Hanna, solange ich gesund bin, wird auch deiner Tochter nichts geschehen" und dann wechselte er plötzlich zu einer Schwangerschaft von Ann [Annaliese], die sie spät abgebrochen hatte, weil die Deportationen des Jahres 1942 begonnen hatten. Kurt hatte gehofft, dass Ann noch lebte, schrieb er, bis er mit einer Frau sprach, die bis Ende November 1944 in Birkenau gewesen war. „Birkenau ist zwar von den Russen befreit worden, aber leider lassen die Russen die Menschen noch nicht gehen". Ironisch schrieb er über seinen Anteil an der Befreiung „unseres Vaterlandes". „Ich war Mitglied einer Bande aus dem Untergrund. Wir haben, bevor die Kanadier in die Stadt kamen, das Postamt in Deventer besetzt. Dabei habe ich zwei Moffen [Schimpfwort für die deutscher Besatzer] niedergeschossen. ... Das war der glücklichste Tag seit meiner Hochzeit '38." Und weiter: „Kurzum, so etwas passiert einem nur ein Mal im Leben (hoffe ich jedenfalls). Nach fünf Jahren wegschleichen über Dachrinnen und schlafen in Roggenfeldern oder in einem Heuhaufen oder in einem Hühnerstall oder zur Abwechslung um 3 Uhr in einer Dezembernacht im Pyjama in einem Wald umherirren, weil die Polizei einen überfallen hat, endlich wieder als freier Mensch auf der Straße gehen zu können. Ich glaube, dass niemand sich wirklich vorstellen kann, was fünf Jahre Naziterror bedeuten." An Pinny schrieb er: „Ich möchte, dass du nach Holland kommst, weil ich dich in meine Arme schließen möchte und du mir viele Küsse geben kannst." Aus diesem Brief wird auch deutlich, dass Friedel Hanna aufgesucht hatte, als er in London war. Aus einem Brief, den Friedel über seinen Besuch bei Hanna geschrieben hatte, in dem viel vom Schicken von Lebensmitteln nach Holland die Rede war, lässt sich ersehen, dass der Brief jemandem mitgegeben wurde, da die Post noch nicht wieder arbeitete. In seinem Brief an Hanna vom 06. Oktober 1945 schrieb er: „Lass uns über Mädchen reden. Mimi hofft im April nächsten Jahres eins zu bekommen." Kurt schrieb in einem Brief vom 11. Oktober 1945 über seine Arbeit in Rotterdam während des Krieges als Abteilungsleiter und wie er nach dem Bombardement vom 14. Mai [1940] begann, selbst Gürtel herzustellen. Das ging allerdings nicht sehr lange, da die Moffen alles beschlagnahmten für eine „elende Scheißpartei" (als er das schrieb, war er gerade dabei, sich wieder eine neue Existenz aufzubauen). Während des Krieges arbeitete er auch noch in einer Fabrik, die Möbel aus Stahl herstellte. „Genau das, was ich immer so gern wollte, ich habe für eine Möbel-Fabrik Möbel aus Stahl entworfen. ... Stell dir vor, in der ganzen Fabrik wussten nur der Direktor und der Abteilungsleiter, dass ich Jude bin. Ich hatte da bis zum letzten Jahr im September ein kleines Büro. Als in Deventer die täglichen Razzien begannen, bin ich zum Zeichnen lieber nach „Hause" gegangen."

Kurz nach dem Krieg beschloss Hanna, mit ihrer Tochter in die Niederlande zu kommen. Sie wohnten vorläufig bei Kurt.

Vorherige Seite: Fallbeispiele

Nächste Seite: Haas