Haas

Samuel und Ella Haas, Dransfeld - Lange Strasse 49

Der Viehhändler Samuel Haas, am 05. Juni 1878 im hessischen Mardorf bei Kassel geboren, war nach der Hochzeit mit Ella Goldstein 1904 nach Dransfeld gezogen. Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Heinz und Carl. Bis in die 1920er Jahre gingen die Geschäfte so gut, dass Samuel Haas in der "Weimarer Zeit" den zweithöchsten Steuersatz aller Mitglieder der jüdischen Gemeinde Dransfelds zahlte. Auf dem Gelände des Hausgrundstücks, das er erworben hatte, befand sich auch die Viehhandlung.

Wirtschaftlicher Niedergang begann schon vor 1933 mit antisemitischen Aktionen

Steuerakten der Gemeinde Dransfeld belegen auch, dass der Kaufmann noch bei Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 in einen der höchsten Einkommensteuersätze eingestuft worden war.1 In den folgenden Jahren brachen die Umsätze dann beinahe vollständig ein. Sein Gewerbesteuerbetrag sank von 1929 bis 1933 von 726 RM auf 93 RM, von der Einkommenssteuer war er vollständig befreit. Wie kam dieser Einbruch zustande, war er allein der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung geschuldet? Schließlich verkaufte Samuel Haas in diesen Jahren nicht nur in Dransfeld sein Vieh, sondern belieferte auch das nähere und weitere Umland. Außerdem gelang es einem anderen jüdischen Viehhändler Dransfelds, Isaak Israel, im selben Zeitraum die Umsätze zu steigern.

Schon zu Beginn der 1930er Jahre war Samuel Haas, obwohl nach Aussage eines Dransfelder Ex-Bürgermeisters im Ort sehr beliebt, auf seinen Geschäftsreisen in der Umgebung der Stadt von SA-Schlägern bedroht worden. Kaufleute, die auf dem Land geschäftlich unterwegs waren, stießen in den Dörfern bereits vor dem 30. Januar 1933 auf antisemitische Ressentiments. Die allgemeine Stimmung gegenüber jüdischen Händlern nutzten Kunden bisweilen schamlos aus. So kaufte der Landwirt Fritz W. aus Hermannrode im hessischen Kreis Witzenhausen 1932 bei Samuel Haas zwei Kühe für je 1000 RM. Der gestundete Betrag wäre 1933 fällig geworden, der Landwirt sah sich aber nach der Regierungsübernahme durch die Nationalssozialisten nicht mehr verpflichtet, den Vertragsbestimmungen nachzukommen. Über derartige Machenschaften klagten nicht nur die  Viehhändler, auch jüdische Geschäftsleute aus anderen Spektren des Landhandels oder des Textilwesens waren von diesem Vorgehen betroffen.

Nach einem Überfall in die Niederlande geflüchtet

Carl Haas hatte an der Göttinger Universität Zahnmedizin studiert. Man gestattete ihm noch, seinen Abschluss zu machen, dann sollte er das Deutsche Reich verlassen. Er ging in die Niederlande, in das Herkunftsland seines Urgroßvaters, und ließ sich als praktizierender Dentist in Den Haag nieder. Sein Bruder Heinz konnte nach dem Abitur, dass er an der Oberrealschule in Göttingen abgelegt hatte, sein geplantes Studium erst gar nicht mehr aufnehmen. Er zog nach Banteln in die Nähe Hannovers und begann eine Ausbildung in einer Getreidefirma. Samuel und Ella Haas blieben in Dransfeld zurück, bis sich im Frühjahr 1933, im Vorfeld der geplanten NS-Boykottaktion gegen jüdische Geschäftsleute, ein Überfall ereignete. Im März 1933 griffen SA-Männer das Haus von Samuel und Ella Haas in der Langen Straße in Dransfeld an. Die Lange Straße ist die Hauptstrasse des Ortes, an ihr lagen weitere Geschäfte und Wohnhäuser jüdischer Eigentümer und Eigentümerinnen. Von weiteren Übergriffen ist aber nichts bekannt.

Der Flucht folgte die Ausplünderung

Die Frage, warum man das Ehepaar Haas attackierte, muss vorerst unbeantwortet bleiben. Die Angreifer zerstörten durch Steinwürfe die Fensterscheiben und zerschlugen die Möbel im Schlafzimmer. Die ganze Aktion lief in großer Eile ab, am Ende entwendete die SA noch eine mit Tafelsilber gefüllte Kiste, die eigentlich in die Niederlande geschickt werden sollte. Der Überfall war für Samuel und Ella Haas das unmissverständliche Zeichen, Deutschland zu verlassen. Mit „zehn Mark in der Tasche" flüchteten beide „illegal" über die deutsch-niederländische Grenze, um in Utrecht bei Verwandten Unterschlupf zu finden.

Der gesamte Hausrat musste ebenso zurückgelassen werden wie Sparkonten, Ansprüche auf Lebensversicherungen und das Hausgrundstück. Schmuck und Bargeld übergab der Viehhändler kurz vor seiner Flucht Frieda Isenberg aus Dransfeld zur Aufbewahrung. In einem Päckchen befanden sich 3.500 RM, goldene Ringe, weiterer Schmuck und eine echte Perlenkette. Frau Isenberg war mit Ella Haas verwandt, sie konnte sich aber nur um den Besitz des Ehepaares kümmern, solange sie selbst sich im Ort aufhielt. Noch vor dem Pogrom 1938 zog Frieda Isenberg aber nach Hamburg zu ihrer Tochter. Vermutlich hatte sie die Absicht, von dort zu emigrieren. Daher holte nun ein Bekannter des Ehepaares Haas aus Mönchen-Gladbach das Päckchen ab. Eine Ausfuhr in die Niederlande war nach dem Devisenrecht nicht gestattet. Der Versuch, den eigenen Besitz über die Grenze schmuggeln zu lassen, scheiterte. 

Gescheiterter Schmuggel mit Folgen

Mit der Zeit war dem Bekannten das Päckchen zu „heiß" geworden. Der Gesamtwert von ca. 15.500 RM und die verschärften Grenzkontrollen von Zollfahnung und Devisenstellen hatten ihn offenbar nervös gemacht. So übergab er das Päckchen an professionelle Schmuggler aus Köln, die Eigentum von Geflüchteten „illegal" über die Grenze brachten. Dieser Coup schlug fehl, die „Bande" wurde verhaftet und das Päckchen beschlagnahmt. Der Fall landete sogar vor dem Volksgerichtshof, alle Beteiligten, auch der Bekannte des Ehepaares Haas, erhielten Haftstrafen. Mysteriös war der Verbleib der Wertsachen. Die Oberfinanzdirektion Köln, die mit der Verwertung des eingezogenen jüdischen Vermögens befasst war, bestritt nach dem Zweiten Weltkrieg die Beschlagnahme des Geldes und der Gegenstände. Wohin das Päckchen verschwand, blieb ungeklärt.2

Schwieriger Neuanfang in Utrecht

Das Hausgrundstück in Dransfeld wurde im Auftrag von Samuel Haas unter Wert verkauft. Jacob Isenberg, der letzte Vorsitzende der Dransfelder jüdischen Gemeinde, schaffte es sogar, das Kaufgeld nach Holland zu transferieren. Von dem Rückkaufswert einer Lebensversicherung, der nur einen Teil der angelegten 30.000 RM ausmachte, blieb Samuel Haas nichts. Der Betrag wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt und später vom Staat eingezogen. Samuel und Ella Haas hatten sich nach eigenem Bekunden am 17. März 1933 nach Holland abgesetzt, sie blieben aber bis Mai 1933 in Dransfeld gemeldet. In Utrecht konnte Samuel Haas keine Arbeit finden, so zog das Ehepaar weiter nach Den Haag. Durch die Übernahme einer kleinen Vertretung der Firma van Sauten für Kohlenverkauf im Frühjahr 1934 erzielte der Kaufmann ein geringes monatliches Einkommen. Die prekäre finanzielle Situation verbesserte sich 1935, als Samuel Haas in die Kohlen-Großhandlung seines Freundes Herzog einstieg und sich der monatliche Verdienst fast verdoppelte. Diese Tätigkeit konnte er bis zum Jahr 1940 ausüben.

Als Ella Haas 1936 überraschend verstarb, war es ihrem Ehemann gerade gelungen, eine neue Existenz aufzubauen. Samuel Haas ließ sich nicht entmutigen, 1938 heiratete er in Den Haag die in Straßburg geborene, seit 1924 in Holland lebende Rosa Meyer. Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande im Mai 1940 veränderte die Lebensverhältnisse der geflüchteten jüdischen Deutschen schlagartig. Bereits am 08. September 1940 erließ die Kommandantur der deutschen Besatzungstruppen in Den Haag den Befehl, dass alle Juden die Stadt bis zum 09. September abends zu verlassen hätten. Nur das Nötigste durfte mitgenommen werden. Samuel und Rosa Haas brachte man, gemeinsam mit 14 anderen Jüdinnen und Juden, in einem „vollständig leeren, einsam gelegenen Hause bei Bodegraven unter, wo wir ... in der primitivsten Weise zu leben verurteilt waren".3 Da es keine Möbel gab, mussten die Flüchtlinge zunächst auf dem Fußboden schlafen.

Die Odyssee in immer neue Verstecke beginnt

Nach Monaten der Duldung beabsichtigte die SS das Haus zu räumen, die Geflüchteten in ein Übergangslager zu deportieren. Bauern aus der Umgebung warnten die Bedrohten aber rechtzeitig, Samuel und Ella Haas flüchteten mit Hilfe eines Binnenschiffers auf einem Kanal nach Utrecht. Dort kamen sie bei einer Frau Gomberts in der Maliestraat unter. Bis 1942 lebten sie dort in einem Keller, dann erfuhren die deutschen Besatzer von dem Versteck. Rosa und Samuel Haas konnten erneut rechtzeitig entkommen, von nun an lebten sie nur noch für kurze Zeit an einem Ort. Zunächst versteckte sie Jan Hendrik Westerhout in seinem Haus in De Meern, einem anderen Stadtteil von Utrecht. Auch dort wurden sie entdeckt. Samuel Haas:

"1942 wurden wir entdeckt. Wir flüchteten nach Amsterdam. Nach einigen Wochen Aufenthalt bei einer jüdischen Familie mussten wir wiederum flüchten und hielten uns bei einem Milchhändler versteckt. Nach ein paar Wochen brachte uns ein Student zu einem Pfarrer Nawijn, der uns bei einem Bauern bis zur Roggenernte einquartierte. Nachdem Razzien stattfanden und wir uns in einem Graben versteckt gehalten hatten, wandten wir uns wieder an den Pfarrer Nawijn. Nach 24-stündigem Aufenthalt auf dem Dachboden der Kirche, wurden wir zu einem Bauern gebracht. In der nächsten Zeit mussten wir wieder flüchten. Wir kamen zu einem Fabrikanten, der uns 6 Wochen beherbergte, dann über eine andere Stelle wieder zum Pfarrer Nawijn. Dieser schickte uns zu einem Förster, der uns im Wald versteckte und uns jeden zweiten Tag mit Lebensmitteln versorgte. Nach 3-wöchigem Aufenthalt in einem selbstgebauten Unterstand führte man uns zu einem gewissen Brouwer."4

Das Überleben im Untergund hing demnach von einer Vielzahl von Helferinnen und Helfern ab. Entscheidend war, nicht allzu lange an einem Ort zu verweilen. Spätestens ab Ende Januar 1944 befand sich das Ehepaar in der Obhut der L.O., der Landelike Organisatie voor Hulp aan Onderduikers (Ländliche Organisation für Hilfe an Personen, die sich verborgen hielten), deren Leiter in der Gemeinde Achtkarspelen, Provinz Friesland, Hielke Willem Brouwer war. Wie zuvor schon Pfarrer Nawijn in Bergum, ebenfalls in Friesland, so setzte auch Brouwer auf ein weitläufiges Netzwerk von Unterstützenden.

Auch Hielke Brouwer und seine Ehefrau Gelske boten Samuel und Rosa Haas Unterschlupf, immer dann, wenn Razzien drohten und sowohl die Verfolgten als auch die Helfenden sich in großer Gefahr befanden. Als sich das Ehepaar Haas im Hause des Landwirts Marten Haarsma in Peebos bei Doezum, Provinz Groningen, befand, unternahm die SS eine Razzia. Mit Hilfe der niederländischen Landwacht überfielen sie das Haus, so dass sich die jüdischen Verfolgten noch soeben aus dem Hintereingang auf ein Feld retten konnten. Dort versteckten sie sich in einem mit Wasser gefüllten Graben, wo sie stundenlang ausharren mussten. Das letzte noch vorhandene Eigentum - Kleidung, etwas Bargeld und Schmuck - ging verloren. Der Landwirt Marten Haarsma wurde verhaftet, er überlebte aber die NS-Zeit.

Von der Gedenkstätte Yad Vashem geehrt

Das Ehepaar Brouwer wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in den Kreis der Rightous among the Nations aufgenommen. In einer gemeinsamen Zeremonie mit von ihnen Geretteten und einigen Nachfahren wurde ihnen der Titel verliehen. Samuel und Rosa Haas überlebten ebenfalls durch Unterstützung der zahlreichen Helferinnen und Helfer. Sie kehrten 1944 zunächst nach Den Haag zu ihrem Sohn Carl und dessen Familie zurück, lebten eine zeitlang wieder in Utrecht und remigrierten schließlich Anfang der 1950er Jahre in die Bundesrepublik. 


Fußnoten

1 Angaben aus Akten der Steuerverwaltung, hier Landratsamt Kreis Hann. Münden: KrAGö, LA HMÜ 0276 n.P.

2 Angaben zum Ehepaar Haas auf Basis der Dokumente aus der Entschädigungsakte, NLA-HStAH, Nds. 110 W Acc. 31/99 Nr. 200185 Bl. 48-50.

3 Samuel Haas an den Regierungspräsidenten Hildesheim vom 30.08.1952, NLA-HStAH, wie Anm. 2, Bl. 18.

4 Erklärung von Samuel Haas vom 23.01.1953, NLA-HStAH, wie Anm. 2, S. 68/69.

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