Fallbeispiele

Anhand einiger ausführlicherer Fallbeispiele werden in diesem Kapitel die Zusammenhänge von „Verfolgung" und „Emigration" ebenso veranschaulicht, wie die Ankunft der Geflüchteten in den Aufnahmeländern und der schwierige Start in ein "neues" Leben. Die erste Familiengeschichte ist von Jet Baruch aus den Niederlanden verfasst worden, deren Großeltern 30 Jahre lang mit ihren fünf Kindern in Göttingen gelebt hatten und die im Oktober 1933 in die Niederlande flüchteten. Abraham und Bertha Baruch starben 1943 in der Shoa.

Die Einzelbiografien werden überwiegend Wege jüngerer Geflüchteter aufzeigen, die schon in den ersten Jahren der Verfolgungszeit, häufig ohne ihre Familienmitglieder, das Deutsche Reich verließen. Auch ihre Emigration kann nur in wenigen Fällen als „freiwillig" bezeichnet werden. Jüdische Abiturienten, Auszubildende, junge Angestellte und Studierende hatten keine Perspektive im Deutschen Reich. Ihre Jugend und Flexibilität verschaffte ihnen aber einen bedeutenden Vorteil gegenüber den beruflich meist gebundenen, älteren Familienmitgliedern. Diese hatten nicht nur auf ihren Betrieb oder ihren Arbeitsplatz Rücksicht zu nehmen, sondern auch auf die besonderen Familienbedingungen, auf die Schulausbildung der Kinder, Freundeskreise oder andere soziale Kontakte. Nicht mehr im Berufsleben Stehende waren selten bereit, noch im höheren Alter die Strapazen einer Auswanderung mit all ihren Unwägbarkeiten auf sich zu nehmen.

Darüber hinaus mussten Familien weit höhere Kosten für die Flucht aufbringen als Einzelne. Es waren Geschäftsübergaben und Hausverkäufe zu regeln, Haushalte aufzulösen, Umzugsgut zu verpacken und adäquate Unterkünfte in der neuen Heimat zu suchen. Die geschilderten Familieschicksale sind daher in der Regel umfangreicher und komplexer, als die Biografien. Zusammenhänge von Verfolgung, Verdrängung und Flucht lassen sich am Beispiel von Familienschicksalen also besonders eindrücklich schildern. Der zeitliche Rahmen der Darstellungen erstreckt sich vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die späten 1950er Jahre, aktuellere Entwicklungen werden aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen und ihrer Angehörigen nicht ausgebreitet.

Vorgänge bei der Verfolgung jüdischer Angestellter und Auszubildender bislang wenig bekannt

Bei den Einzelschicksalen handelt es sich überwiegend um jüngere Menschen, die Ende der 1920er oder Anfang der 1930er Jahre nach Göttingen oder in die nähere Umgebung kamen, um zu arbeiten oder zu studieren. Viele von ihnen waren Angestellte, die meisten hatten Beschäftigung in Geschäften jüdischer Kaufleute gefunden. Über den Werdegang und die Verdrängungsprozesse jüdischer Angestellter und Auszubildender ist für die Region bislang nur wenig bekannt. Während lange in Südniedersachsen beheimatete Familien von Kaufleuten ihre Spuren in der regionalen Geschichte und damit in Dokumenten hinterlassen haben, sind die Wege der Jüngeren schwerer nachzuzeichnen.

Klar erkennbare Muster in den Verfolgungs- und Emigrationsprozessen

Häufig stammten Angestellte, Studierende und Auszubildende dagegen nicht aus Göttingen und Umgebung und lebten nur einige Jahre in der Region. Dennoch gibt es klar erkennbare Muster in den Verfolgungsprozessen, die allgemeingültigen Charakter haben dürften. Die Auswirkungen von Ausgrenzung und Vertreibung sind für die Verfolgten noch Jahrzehnte nach ihrer Flucht aus dem Deutschen Reich spürbar gewesen. Aus diesem Blickwinkel scheint es daher sinnvoll, die Lebensgeschichten nicht auf die Erlebnisse in der NS-Zeit zu reduzieren.

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