Hilfsorganisationen im Ausland

Für die Region Göttingen war die Arbeit von zwei amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisationen von größerer Bedeutung. Das American Jewish Joint Distribution Committee (kurz: JDC) ist die größte, heute noch existierende jüdische Flüchtlingshilfsorganisation in den USA. Als zweite wesentliche Organisation muss die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS) genannt werden.

Beide Hilfsorganisationen hatten ihren europäischen Hauptsitz zur Zeit des Nationalsozialismus zunächst in Paris, die HIAS als HICEM, einer Kooperation mit zwei weiteren Organisationen.1 Nach der deutschen Besetzung Frankreichs verlegte man die Büros nach Lissabon, wohin tausende jüdische Verfolgte geflohen waren. Allein die JDC rettete zwischen 1933 und 1941, dem Jahr des Ausreiseverbots für Jüdinnen und Juden aus dem von den Deutschen besetzten Europa, über 260.000 Menschen.

Das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC)

Der Hauptsitz befand sich in New York, die Organisation hatte aber zahlreiche Niederlassungen weltweit. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es eine klare Aufteilung der Befugnisse zwischen den Hilfsorganisationen. So kümmerte sich die JDC in erster Linie um die jüdischen Verfolgten im Deutschen Reich, indem sie Spenden amerikanischer Gemeinden und andere Hilfsgelder z.B. an die RVJD weitergab. Sie half aber ebenso den Bedürftigen in Polen und der Ukraine. Mit Ausbruch des Krieges 1939 erweiterte sich ihr Aufgabenbereich. Von nun an versuchte man, die in alle Regionen der Welt Geflüchteten zu unterstützen.

Die JDC bearbeitete mindestens 30 Fälle für die Region

Die Organisation nutzte die gespendeten Gelder, um Verfolgte aus dem Deutschen Reich herauszuholen oder die Weiterreise der bereits in Sicherheit Befindlichen in die USA zu gewährleisten. So versuchte sie, gemeinsam mit der HIAS, die in Shanghai Gestrandeten nach Australien oder in die USA zu vermitteln. Die japanische Besetzung der Stadt sowie teilweise unerträgliche klimatische und hygienische Verhältnisse machten dieses Engagement notwendig. Die JDC Büros in Paris und – später – Lissabon standen in ständigem Kontakt mit dem Exekutivbüro in New York. Nach dem Umzug in die portugiesische Hauptstadt bestand die Hauptaufgabe darin, die Weiterreise der Geflüchteten zu organisieren.

Mindestens 30 Fälle sind nachgewiesen, in denen die JDC Anträge auf Ausreise-Unterstützung für Angehörige aus der Region Göttingen bearbeitete. Meist handelte es sich um Einzahlungen schon zuvor emigrierter Verwandter, die ihre Angehörigen in die USA nachholen wollten. Die JDC überwies die auf ein Depot eingezahlten Gelder an die im Deutschen Reich zuständigen Organisationen der RVJD - in der Regel den Hilfsverein, der sie für Reisekosten und Schiffspassagen einsetzte. Viele dieser Bemühungen waren im Endeffekt erfolgreich. Aber auch die Tragik der gescheiterten Versuche ist in Dokumenten überliefert.

 

Rechnet man die für die JDC nachgewiesenen Fälle auf die anderen Hilfsorganisationen hoch, die wie die HIAS Verfolgte nach Südamerika oder wie der englische Council of German Jewry Geflüchtete nach Großbritannien und Palästina vermittelten, kommt man auf annähernd 100 Bearbeitungsfälle für das Gebiet des heutigen Landkreises Göttingen. Die Rettung jüdischer Verfolgter aus der Region lief demnach fast vollständig über ausländische Hilfsorganisationen.

Die Hebrew Sheltering & Immigrant Aid Society (HIAS)

Auch die HIAS war lange vor Beginn der NS-Zeit gegründet worden. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte sie vor allem Verfolgte aus den osteuropäischen Pogrom-Gebieten unterstützt. Auch die finanzielle Hilfe für in Not geratene jüdische Gemeinden in Russland oder der Ukraine stand auf ihrer Agenda. Mit Beginn der nationalsozialistischen Judenverfolgung kam mit der Rettung mitteleuropäischer Jüdinnen und Juden ein bedeutendes Aufgabengebiet hinzu, das im Laufe der 1930er Jahre immer mehr in den Fokus rückte. Im Zuge der Aufteilung von Zuständigkeiten kümmerte sich die Organisation zunächst um die Geflüchteten, die in den europäischen Nachbarstaaten des Deutschen Reiches untergekommen waren.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen ausgebaut

Die Aufgabe der Organisation bestand darin, die Menschen möglichst schnell in die sichere USA zu bringen. Dabei umging die HIAS auch ab und an die rigiden Einwanderungsbestimmungen des Landes. Als Hilfsorganisation, die ausschließlich mit Spenden arbeitete, war sie unabhängiger vom Wohlwollen der amerikanischen Regierung als beispielsweise die JDC.

 

Nachdem deutsche Truppen 1940 große Teile Westeuropas besetzt hatten, entwickelte sich die Rettung zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Enge Absprachen mit anderen Hilfsorganisationen waren nötig, um Fluchtwege auszuloten und Aufnahmeländer zu finden. Die Einsatzgebiete der HIAS erweiterten sich vom unbesetzten Teil Frankreichs über die iberische Halbinsel bis nach Mittelamerika und Asien. Dort war die Organisation auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch bemüht, Geflüchtete bei ihrer Weiterreise zu unterstützen. Für Familie Grünklee aus Hann. Münden waren die Emigrationsoptionen im Herbst 1940 schon äußerst eingeschränkt. Dazu kam, dass Max Grünklee 1938 das Rentenalter erreicht hatte und seine Familie von der spärlichen Angestelltenrente durchbringen musste. Da aus seiner vorherigen Tätigkeit im Bahnhofsbuchhandel sowie einem kleinen Reisegeschäft auch keine nenneswerten Rücklagen entstanden waren, war ohne Unterstützung der Hilfsorganisationen an eine Flucht ins Ausland nicht zu denken.

Die beschwerliche Flucht der Familie Grünklee endete in New York

Der Hilfsverein in der RVJD und die HIAS ermöglichten im Oktober 1940 die beschwerliche Reise über das besetzte Warschau, Moskau und Wladiwostock in das japanische Kobe. Amerikanisch-jüdische Bürger hatten als Affidavit-Geber und Spender den Grundstock für die Reisefinanzierung gelegt. Ihre Einzahlung bei der HIAS ist bei der Abrechnung der Reise durch die RVJD und der JDC dokumentiert. Die HIAS glich einen vorhandenen Fehlbetrag mittels ihrer Spendeneinnahmen aus. Familie Grünklee gelangte schließlich mit der "Heian Maru" von Yokohama nach Seattle, von dort ging die Reise mit dem Zug weiter nach New York. Dort ließen sich Grünklees im Stadtteil Bronx nieder.

 

Anhand der Flucht der Familie Grünklee wird die Kooperation der Hilfsorganisationen im In- und Ausland deutlich. Ohne Absprachen über Zuständigkeitsbereiche, Kontakte zu den Regierungen und die Betreuung vor Ort wäre die Rettung vieler Verfolgter wohl nicht möglich gewesen.

Weitere internationale Hilfsorganisationen kümmerten sich um die jüdischen Verfolgten

Neben dem schon erwähnten Council in England leisteten weitere Organisationen in zahlreichen Ländern Unterstützung. Dabei gab es sehr spezifische Hilfsformen, so kümmerte sich die Association for Jewish Refugees (AJR) aus England vor allem um die Rettung der jüdischen Kinder aus Mitteleuropa und organisierte die Kindertransporte nach England mit. Vergleichbare Institutionen gab es in den USA. Auch jüdische Akademiker und Akademikerinnen konnten sich, neben ihren persönlichen Netzwerken, auf die Hilfe von Organisationen verlassen, deren Arbeit speziell auf ihre Situation zugeschnitten war. Es würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen, alle aufzuführen, die an der Rettung jüdischer Verfolgter aus der Region Göttingen beteiligt waren. Auf den folgenden Unterseiten wird in einigen Passagen auf ihre Hilfe hingewiesen.


Fußnoten

1 Die HICEM hatte sich 1927 als Zusammenschluss der HIAS mit der Jewish Colonization Association (ICA) und der EmigDirect aus Berlin konstituiert.

 

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