Fluchtrouten über die Donau

Die „illegalen" Schiffstransporte nach Palästina stellen einen besonderen Aspekt in der jüdischen Emigrationsgeschichte dar. Mehrere jüdische Gruppen organisierten die Flucht über die Donau, da sich die britische Mandatsregierung auch nach dem Novemberpogrom 1938 weigerte, höhere Einwandererquoten für Palästina zuzulassen.

Agenten jüdischer Geheimdienste hatten bis 1939 in Prag und Wien Kontaktbüros eröffnet. Bei der Ausstellung von Reisedokumenten und dem Chartern der Donauschiffe war eine Kooperation mit Beamten des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) unerlässlich. Maßgeblich involviert war auch die von Adolf Eichmann geleitete Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien. In Berlin versprach man sich durch eine verstärkte jüdische Abwanderung nach Palästina auch die Destabilisierung des Nahen Ostens und damit eine Schwächung Englands. Vom Frühjahr 1939 bis zum Herbst 1940 konnten auf Basis dieser „Zusammenarbeit" sechs Transporte über die Donau organisiert werden, von denen einer jedoch das Ziel nicht erreichte.

Zionistische Jugendliche aus der Region Göttingen flüchteten über die Donau nach Palästina

Den Großteil der Passagiere machten Verfolgte aus Polen, Danzig, Tschechien und Österreich aus. Viele jüdische Jugendliche gehörten der zionistisch-sozialistischen Hechaluz-Bewegung an. Sie bereiteten sich in der Hachschara auf die Alija, die Einwanderung nach Palästina, vor.1 In Umschulungsbetrieben und auf landwirtschaftlichen Gütern konnten sie berufliche Fertigkeiten erlernen, die vor Ort gebraucht wurden. Auch Margot Meyerstein aus Bremke nahm diesen Weg. Sie hatte 1937, im Alter von 14 Jahren, ihre Schulausbildung wegen der täglichen Übergriffe des antisemitischen Lehrers Renziehausen abbrechen müssen. Anschließend arbeitete sie zwei Jahre lang in Göttingen als Hausangestellte. Im Jahr 1939 ging sie dann in einen Haschara-Betrieb der Hechaluz nach Hamburg-Rissen.2

Dort blieb sie über ein Jahr. Als immer mehr Umschulungsbetriebe geschlossen werden mussten, da der antisemitische Verfolgungsdruck größer wurde und eine reguläre Emigration kaum noch möglich war, fassten die Verantwortlichen der Hechaluz und des Palästina-Amts in Berlin im Juni 1940 den Entschluss, eine größere Gruppe ohne britische Einreisevisa nach Palästina zu bringen. Über Wien und Bratislava sollten die Jugendlichen auf der Donau bis nach Rumänien fahren, auf gecharterte Frachter umsteigen und durch das Schwarze Meer und den Bosporus vor die Küste Palästinas gelangen. Der weitere Plan sah vor, dass sie dort von Mitarbeitern der jüdischen Untergrundorganisation Haganah in Empfang genommen, „illegal" an Land gebracht und auf verschiedene Kibbuzim verteilt werden sollten. Doch schon kurz nach ihrer Abreise gab es erste organisatorische Probleme, so dass die Gruppe über ein Jahr lang fest saß.

Von Hamburg nach Palästina

Aus Hamburg-Rissen waren sechs Jugendliche, vier Mädchen und zwei Jungen, für einen „illegalen" Transport nach Palästina ausgewählt worden. Eine von ihnen war Margot Meyerstein. Nachdem die Jugendlichen in ihren Heimatstädten Abschied von Eltern und Geschwistern genommen hatten, warteten sie in Hamburg auf ihre Abreise. Zuvor hatten sie sich selbst um die Pass- und Zollformalitäten zu kümmern. Da bei der Organisation der Reise ständig neue Schwierigkeiten auftauchten – die Schiffe mussten gechartert und Transitvisa durch das Palästina-Amt besorgt werden – verzögerte sich die Abfahrt. Anfang August 1940 kam die Nachricht aus Berlin: Abfahrt des Zuges von Berlin nach Wien am 14. August. Der Transport war von der Gestapo mitorganisiert. Da Eichmann selbst involviert war, stand die in Berlin auf 100 Personen angewachsene Gruppe unter ständiger Bewachung durch die Gestapo. 

Eichmann war beteiligt

Schließlich konnten die Jugendlichen am 30. September 1940 das Donauschiff Uranus besteigen und ihre Reise nach Palästina beginnen. Insgesamt waren aus Wien 600 Jugendliche, die der Jugend-Alija angehörten, mit Bussen gestartet. In Bratislava kamen 500 jüdische Internierte hinzu, die ebenfalls auf der Uranus untergebracht werden mussten. Ihre Mitreise war eine Bedingung der slowakischen Regierung zur Erteilung der Durchreisevisa. Auf der Donau ging es zügig voran. Das Leben an Bord wurde durch die strikte Organisation der Jugend-Alija geregelt, die Versorgung durch die Crew gewährleistet. Solch eine relativ reibungslose Reise auf dem Strom war eher die Ausnahme. Ein besonders bitteres Schicksale erlitt der sogenannte Kladovo-Transport, der im Winter 1939/1940 im Eis stecken geblieben war. Die Geflüchteten wurden in Serbien interniert und nach der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht in Vernichtungslager deportiert. Nach knapp einer Woche erreichte die Uranus den rumänischen Hafen Tulcea im Donau-Delta, wo bereits drei griechische Schiffe für die Weiterfahrt ankerten.

Nur zwei kleine Trawler und ein Passagierschiff standen für über 4.000 Menschen bereit

Dabei handelte es sich um die Milos und die Pacific, zwei als größere Fischtrawler bezeichnete Schiffe (mit 600 bzw. 700 Brt.) und die Atlantic, die etwa das doppelte Fassungsvermögen aufbrachte. Auf diesen Schiffen mussten 4.000 Geflüchtete Platz finden. Über 1.000 Menschen, die zuvor auf der geräumigeren Uranus untergekommen waren, mussten nun auf der Pacific zusammen rücken. Um die Wartezeit während des Ladens von Proviant und bis zum Eintreffen der Crew zu überbrücken, aber auch um die Schiffe überhaupt für die hohe Anzahl an Passagieren seetüchtig zu machen, bauten die jungen Pioniere Stockbetten und installierten Kochgelegenheiten. Nach fast einem Monat in Rumänien ging Fahrt über das Schwarze Meer weiter.

Bei den Schiffstransfers über das Schwarze Meer, den Bosporus, die Dardanellen und das Mittelmeer nach Palästina kam es zu zahlreichen Unfällen. Viele Menschen verloren dabei ihr Leben. Es war die übliche Fluchtroute der jüdischen Familien aus Südost- und Osteuropa in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs. Die Schiffe waren meist alles andere als seetüchtig. Für die jüdischen Organisationen war es immer schwieriger geworden, Transportmittel und Schiffscrews zu chartern, da die britische Regierung zunehmend Einfluss auf Griechenland und die Türkei nahm. Auch die Reise der Pacific, Milos und Atlantic blieb nicht ohne Komplikationen. Sturmschäden mussten ausgebessert und Proviant nachgeladen werden. Die bulgarische Regierung nutzte bei einem Zwischenstopp die Notlage, um als Gegenleistung für Versorgungsgüter weitere 40 jüdische Flüchtlinge auf die überfüllten Schiffe zu zwingen. Die Crew streikte und gewährleistete die Weiterfahrt erst gegen höhere Bezahlung. Dennoch verlief die Reise bis ins Mittelmeer relativ problemlos - die drei Schiffe wurden nicht mit Torpedos beschossen oder sanken im Sturm, so wie es anderen Flüchtlingstransporten widerfuhr.

Die Haganah sprengte ein Schiff, um den Transport von Geflüchteten nach Mauritius zu verhindern

Das Drama begann für die Gruppe aus Hamburg erst nach ihrer glücklichen Ankunft vor Haifa. Schon vor der Landung nahm die englische Mandatsmacht die Geflüchteten in Gewahrsam. Man beabsichtigte, alle Passagiere der drei in Tulcea gestarteten Flüchtlingsschiffe nach Mauritius zu bringen. Die britische Mandatsregierung wollte Rücksicht auf den arabischen Bevölkerungsteil nehmen, da 1936 Unruhen wegen der jüdischen Zuwanderung ausgebrochen waren. Die Verantwortlichen warteten nur noch auf die Ankunft der völlig überfüllten Atlantic.

Nur die Ältesten und nicht mehr Reisefähigen sollten zurückbleiben dürfen, alle anderen waren auf dem beschlagnahmten französischen Frachter Patria interniert. Unter ihnen befand sich auch die Gruppe aus Hamburg. Um die Abfahrt, und damit die Verschleppung der Mitglieder der Jugend-Alija zu verhindern, plante die Haganah einen Sprengstoffanschlag auf das Schiff. Die Aktivisten wollten ein Loch in den Rumpf sprengen, damit die Patria ihre Reise gar nicht erst antreten konnte. Durch ein Versehen wurde zu viel Sprengstoff deponiert, das entstandene Leck war zu groß und das Schiff sank zu schnell.

Glückliche Rettung der Hamburger Gruppe um Margot Meyerstein

Auch die Gruppe um Margot Meyerstein befand sich auf dem Schiff. Glücklicherweise hielten sie sich nach der Detonation auf der über dem Meeresspiegel befindlichen Seite der Patria auf, die im 12 Meter tiefen Hafenbecken nicht ganz gesunken war. Die Jugendlichen kletterten bis zur letzten Toilettenkabine, hinter sich das steigende Wasser, und machten durch die Luke auf sich aufmerksam. Helfer hörten die Rufe und zogen sie auf das seitlich liegende Schiff. Nach der Rettung internierten die Mandatsbehörden alle Überlebenden im Lager Athlit. Erst Monate später entließ man die Geflüchteten in die Freiheit. Das Unglück hatte über 250 Menschenleben gekostet. Sowohl die Fahrt über die Donau, als auch über das Schwarze Meer überlebten viele der geflüchteten Verfolgten nicht. Dennoch hatte auch Lothar Heilberg sein Glück auf diesem Weg versucht. Der junge Mann wohnte in Bovenden (Krs. Göttingen) und arbeitete bei einer Göttinger Baufirma. Ein knappes Jahr vor Margot Meyerstein hatte auch er die Flucht über die Donau nach Plästina geschafft. Man internierte ihn ebenfalls in Athlit, später arbeitete er zeitweise als Hilfspolizist und Übersetzer. Nach dem Ende der britischen Mandatszeit ließ sich Lothar Heilberg endgültig in Israel nieder.


Fußnoten

1 Die Jugend-Alija war von Recha Freier 1933 in Berlin gegründet worden. Sie bezeichnet die Einwanderung von Kindern und Jugendlichen ins "Gelobte Land" und wurde von der Jewish Agency betreut. Alija-Bet bezeichnet generell die Einwanderung der NS-Verfolgten nach Palästina in den 1930er Jahren. Um sie kümmerte sich die Haganah.

2 Die Angaben zur Flucht über die Donau und das Schwarze Meer nach Palästina stammen aus einem Zeitzeuginnengespräch, das die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Göttingen und des Jüdischen Lehrhauses Göttingen, Eva Tichauer-Moritz, mit Margot Beer, geb. Meyerstein, in Israel führte. Weitere Informationen zur Flucht auf der Uranus im Internet. Website von Inge Franken/ fehrbelliner92 (vgl. Unterseite "Links").