Fluchtrouten über den Atlantik

Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Verfolgten reiste über die Häfen Hamburg und Bremerhaven aus Deutschland aus. Der Weg über Rotterdam, Antwerpen oder Le Havre führte zunächst in die Konsulate der gewünschten Aufnahmeländer. Trotz unterschiedlicher Richtlinien in den Einreisebestimmungen, ohne Visa konnten die Flüchtlinge „offiziell" nicht in andere Länder ausreisen. Mit einer Ausnahme: Shanghai.

Um die Einwanderung zu kontrollieren, vergaben die USA jährliche Länderkontingente. Die sogenannte „Quote" setzte eine gewisse Wartezeit bis zur Ausreise voraus. Wie problematisch diese Praxis mit der Zeit wurde, beweist das Schicksal der Familie Mosenthal aus Dransfeld. Ilse Mosenthal, die mit ihrer Schwester bei der Mutter Blondine wohnte, hatte 1939 vom amerikanischen Generalkonsulat in Hamburg die Quoten-Nummer 16.273 zugewiesen bekommen. Mit dieser Ziffer hätte sie erst drei Jahre später die Ausreise in die USA antreten können. Zu spät – im März 1942 wurde sie zusammen mit Mutter und Schwester in das Warschauer Ghetto verschleppt, wo sich ihre Spur verliert.

Um ein Visum der deutschen Einwanderungsquote zu erhalten, fuhren die Antragsteller aus Göttingen zum zuständigen amerikanischen Konsulat nach Hamburg, einige jüdische Verfolgte aus Hann. Münden ließen sich den Sichtvermerk in Stuttgart eintragen. Ihre Passagen nach Übersee lagen oft so zeitnah zum Eintrag der Visa, dass dadurch neue Probleme entstanden. Das Umzugsgut musste verpackt und der Transport bezahlt werden, auch brauchte man Geld für die Übernachtungen bis zur Abfahrt. Wegen der Kontensperren in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre kam es bei der Freigabe der benötigten Beträge durch die Devisenstellen immer wieder zu Verzögerungen. Im schlimmsten Fall konnte damit die Ausreise gefährdet sein.

Nach Kriegsausbruch musste auf westeuropäische Häfen ausgewichen werden

Dennoch schafften knapp 140 jüdische Verfolgte aus Göttingen und Umgebung die Flucht via Hamburg oder Bremerhaven in die USA.1 Die Schiffe der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd in Bremen fuhren bis zum Kriegsausbruch regelmäßig. Mit Zwischenstation in Southampton oder Liverpool dauerte die Reise gut eine Woche. Bei Kriegsausbruch wichen die Emigrierenden auf Abreisehäfen in den westlichen Nachbarländern Deutschlands aus. Rotterdam, Le Havre und – vor allem – Antwerpen entwickelten sich bis zum Überfall der Wehrmacht auf Holland, Belgien und Frankreich im Mai 1940 zu Zentren der Auswanderung nach Übersee. Im Herbst 1940 erhielten die deutschen Schifffahrtslinien vom Reichsminister des Innern die Genehmigung, für ihre Kundschaft auch Passagen auf ausländischen Linien zu buchen.

Nach der Besetzung Westeuropas durch die deutsche Wehrmacht saßen die Verfolgten fest. Bis zum Kriegseintritt als deutscher Verbündeter im Juni 1940 bot Italien mit seinen Häfen in Genua und Triest noch Fluchtmöglichkeiten. Diese wurden hauptsächlich von denjenigen genutzt, die „offiziell" nach Palästina auswandern wollten. In England internierte die Regierung die Mehrzahl der Immigranten als „enemy aliens". Wer sich dennoch eine Passage von England, Holland, Frankreich oder Belgien nach Süd- oder Nordamerika erkämpft hatte, setzte sich und seine Familie bei der Überfahrt einer großen Gefahr aus. Paul Meyer aus Hann. Münden, der in England als „enemy alien" interniert war, überlebte den Untergang eines von Deutschen torpedierten Schiffs als einer von nur wenigen Passagieren. Nach seiner Entlassung aus dem Internierungslager hatte er seiner nach Brasilien ausgewanderten Familie folgen wollen.

Last Exit Lissabon

Der letzte offene Weg über den Atlantik führte über die iberische Halbinsel. Mit der Bahn gelangten bis zum Spätsommer 1941 noch Verfolgte nach Spanien und Portugal.2 Von Barcelona oder Lissabon aus überquerten sie das Meer in Richtung USA oder Südamerika. Aus dem südlichen Niedersachsen  reisten Jacob Faibuschewitz aus Göttingen und Familie Schwalm aus Hann. Münden über die iberische Route. Der Schuhmacher aus Göttingen schaffte noch im August 1941 die Flucht nach Lissabon, wo wenige Tage nach seiner Ankunft das Schiff nach New York ablegte. Moritz, Sara und Henry Schwalm fuhren Mitte Juli 1941 von Berlin aus nach Barcelona, wo sie am 15. des Monats ihre Passage – ebenfalls nach New York – antraten.

Auch Emigrierende, deren Ziel Australien oder Südafrika war, reisten mit dem Schiff in ihre Aufnahmeländer. Die Abreisehäfen waren in der Regel dieselben, von denen aus andere Verfolgte nach Amerika flüchteten. Otto Löwenthal aus Hann. Münden konnte infolge des Boykotts gegen das Textilgeschäft seines Vaters Hermann seinen Beruf als reisender Angestellter im väterlichen Betrieb nicht mehr ausüben. 1934 ging er daher nach Berlin, wo er eine Umschulung zum Schlosser absolvierte. Kurz vor dem Pogrom vom 09. November 1938 gelang ihm die Flucht nach England, wenige Tage später reiste er auf der Duchess of Bedford weiter. Sein Ziel war Australien. Da er bei der Canadian Pacific gebucht hatte, führte ihn der Weg zunächst von Liverpool nach Montreal. Von dort aus trat er die weite Reise nach „Down Under" an, wo er sich in Sydney niederließ und eine Familie gründete.

Die Passagekosten stiegen im Laufe der 1930er Jahre weiter an

Noch beschwerlicher war die Emigration ins chinesische Shanghai.3 Als nach der Konferenz von Évian im Sommer 1938 die meisten Länder ihre Einreisebeschränkungen derart verschärften, dass die Einwanderung dorthin beinahe zum Erliegen kam, war Shanghai der einzige Ort, an dem kein Visum zur Einreise verlangt wurde. Dafür war die Passage teuer, außerdem konnte der Transfer von Umzugsgut nur eingeschränkt durchgeführt werden. Richard Katz aus Göttingen und seine Ehefrau Else, die aus Adelebsen stammte, fuhren mit der Usaramo, einem von der Gestapo gecharterten Dampfer, Ende April 1939 von Hamburg aus nach Shanghai ab. Sie erreichten ihr Ziel erst am 07. Juli 1939. Das Schiff war mit mehr als 400 Menschen völlig überfüllt. Die Flüchtlinge durften, entgegen der Absprachen, auf der gesamten Fahrt die Waschräume nicht benutzen.


Fußnoten

1 Angabe bei Uta Schäfer-Richter / Jörg Klein: Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933-1945. Ein Gedenkbuch, Göttingen 1992, S. 308. Nach neueren Erkenntnissen muss von einer höheren Zahl ausgegangen werden.

2 Siehe auch die Unterseite "Fluchtroute iberische Halbinsel".

3 Eine detailliertere Darstellung und weitere Beispiele aus der Region siehe "Aufnahmeländer - Asien".

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