"Illegalität"

Viele der nach Westeuropa geflüchteten Jüdinnen und Juden mussten nach der Besetzung ihrer Aufnahmeländer durch die deutsche Wehrmacht „untertauchen". Da die Beschaffung von Verstecken und Verpflegung angesichts der massiven Repression durch Gestapo, SS und Wehrmacht eines großen logistischen Aufwands bedurfte, war ein hoher Grad an Organisierung im regionalen Widerstand notwendig.

Anhand von Beispielen aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich kann die erfolgreiche, aber gefährliche Arbeit des Widerstands nachgezeichnet werden. Den aus Dransfeld, Göttingen und Hann. Münden stammenden jüdischen Emigrierten, die es aus unterschiedlichen Gründen nicht schafften, in sichere Länder weiter zu flüchten, blieb keine andere Wahl, als in die „Illegalität" abzutauchen. Viele nach Übersee geflüchtete Menschen, die keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen in der europäischen "Illegalität" hatten, befürchteten im Laufe der Zeit, dass diese aus Westeuropa in die Vernichtungslager Osteuropas deportiert worden wären. Manchmal kam eine Verbindung zur Verwandtschaft erst Jahre nach Kriegsende zustande.

Das Ehepaar Haas flüchtete schon 1933 in die Niederlande

Im Vorteil waren diejenigen, die schon länger im Aufnahmeland lebten, die Sprache beherrschten und Kontakte hatten. Dafür steht beispielhaft das Schicksal von Samuel und Rosa Haas. Schon im April oder Mai 1933 verließ der Viehhändler mit seiner ersten Ehefrau Ella nach einem SA-Überfall auf das Wohnhaus die südniedersächsische Kleinstadt Dransfeld. Nachdem Sohn Carl, der in Göttingen erfolgreich seinen Abschluss zum Zahnarzt absolviert hatte, schon kurz nach dem 30. Januar 1933 in die Niederlande geflohen war,  gingen nun auch die Eltern über die „Grüne Grenze" bei Aachen in das westliche Nachbarland.1 1936 verstarb Ella Haas, Samuel Haas heiratete zwei Jahre später die aus Straßburg stammende Rosa Meyer. Das Ehepaar lebte, wie Sohn Carl, bis zum deutschen Überfall im Mai 1940 in Den Haag. Schon ein Vierteljahr später ordnete der Kommandeur der Besatzungstruppen für alle jüdischen Einwohner die Räumung der Stadt an. Rosa und Samuel Haas fanden, gemeinsam mit 14 anderen Vertriebenen, Unterschlupf auf einem leerstehenden Hof in der Nähe der Stadt. Landwirte aus der Nachbarschaft versorgten sie mit Lebensmitteln. Bedeutender für die nahe Zukunft war aber, dass die Betroffenen der direkten Kontrolle der deutschen Behörden nun entzogen waren.

In Nordholland drei Jahre in der „Illegalität" überlebt

Als 1942, im Vorfeld der Deportationen in die Vernichtungslager, mit der Getthoisierung der jüdischen Bevölkerung begonnen wurde, tauchten Rosa und Samuel Haas unter. Dass der schon 64-Jährige und seine Ehefrau überlebten, verdankten sie von nun an der Unterstützung durch holländische Helfer und Helferinnen aus dem Widerstand gegen die Besatzer aus Nazi-Deutschland. Mit Hilfe von organisierten Binnenschiffern gelangten sie über Utrecht nach Amsterdam. Dort versteckte man sie in drei verschiedenen Wohnungen, bis sie einen Studenten mit Kontakten zum organisierten Widerstand kennenlernten.

Das Leben im Untergrund bedeutete, dass man keinen Kontakt zu offiziellen Stellen haben konnte, keine gültigen Pässe oder Unterlagen besaß und keinerlei finanzielle oder andere Hilfe bekam. Von Amsterdam aus wurden Rosa und Samuel Haas an Pfarrer Evert Nawijn in Bergum in Nordholland vermittelt, der sie bei einem Landwirt in der Nähe unterbrachte. Nach Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor im März 1943 nahm der Druck durch ständige Razzien der SS zu. Nun mussten in immer schnellerer Abfolge neue Unterkünfte gefunden werden. Für drei Wochen blieb einmal sogar nur ein Unterstand in einem Waldstück als Versteck, ein Forstbeamter versorgte das Ehepaar mit Lebensmitteln. Fast drei Jahre überlebten Samuel und Rosa Haas in der „Illegalität". Am Ende waren sie infolge der Entbehrungen krank geworden, aber sie waren am Leben.2

Agnes Sommerfeld flüchtete nach Brüssel

Agnes Sommerfeld war schon bald nach dem 30. Januar 1933 aus ihrer Heimatstadt Hann. Münden nach Berlin gezogen. In der Kleinstadt ohne berufliche Perspektive, arbeitete sie nun in Berlin als Kinderbetreuerin bei einer deutsch-jüdischen Familie. Ihre Arbeitgeber flüchteten Mitte der 1930er Jahre vor dem in der Reichshauptstadt immer manifester werdenden Antisemitismus nach Brüssel, ihre Angestellte Agnes Sommerfeld nahmen sie mit. Das Leben im Exil gestaltete sich für die junge Frau bis zur Besetzung des Landes 1940 recht angenehm, dann änderten sich die Verhältnisse schlagartig. Schon früh musste Agnes Sommerfeld lernen, Gestapo und SS aus dem Weg zu gehen. Einige Male versteckte sie sich auf ihrer Arbeitsstelle in der Toilette. Die Feldgendarmerie nahm sie zweimal wegen Ausweisproblemen mit auf die Dienststelle, ihre Arbeitgeberin setzte sich jedes Mal für sie ein. Dann begann ab 1942 die Zeit der Deportationen und Razzien, von nun an konnte sich die bedrohte Jüdin nicht mehr öffentlich zeigen. Ein Netz von Helferinnen und Helfern unterstützte sie in der "Illegalität". Nach einer kurzen Zeit in einem Dorf in den Ardennen kehrte sie nach Brüssel zurück, wo sie bis zum Eintreffen der britischen Befreier versteckt wurde.3

Auch in anderen europäischen Ländern überlebten jüdische Geflüchtete aus dem Deutschen Reich durch die Unterstützung Einheimischer. In Dänemark retteten zahlreiche Helferinnen und Helfer die Bedrohten und brachten sie mit Schiffen und Kähnen nach Schweden. In Bulgarien setzten sich Parlamentarier, Kirchenleute und Teile des Adels dafür ein, dass die internierten Jüdinnen und Juden nicht in die Vernichtungslager deportiert wurden und die Kriegszeit überlebten. In einigen von Deutschen besetzten Ländern, vor allem in Polen, aber auch in Tschechien, der Slowakei und Italien versteckte man Verfolgte aus Deutschland.4
Angesichts der unbeschreiblichen Zahl an Ermordeten muss diese Hilfe natürlich entsprechend eingeordnet werden. Jegliche Form der Unterstützung Geflüchteter bedeutete aber ein hohes Risiko für die Helferinnen und Helfer. So sollte ihre "illegale" Arbeit gewürdigt werden als Beispiel dafür, dass auch im Deutschen Reich mehr möglich gewesen wäre.

Ein ganzes Dorf hilft!

Umfangreicher als in vielen anderen Ländern war die Hilfstätigkeit in Frankreich, andererseits war zu Zeiten des Vichy-Regimes auch die Kollaboration stärker als in anderen besetzten Staaten. Helfende in Polen und den Niederlanden retteten in absoluten Zahlen zwar mehr Menschen, in Polen waren die jüdischen Gemeinden aber um ein Vielfaches größer als in Frankreich, in den Niederlanden die Ablehnung der deutschen Besatzungsmacht teils konsequenter. Neben dem Widerstand gegen die Deutschen hatten die Helfenden in Frankreich auch gegen die faschistoide Petain-Regierung zu kämpfen. Erstaunlich erscheinen dabei das dichte Netz von Hilfsorganisationen unterschiedlichster Coleur, das sich über die "Freie Zone" spannte, und die regionale Dichte an Helfern und Helferinnen. So versteckte z.B. allein das Dorf Le Chambon sur Lignon in der Provinz Haute Loire tausende jüdische Geflüchtete.


Fußnoten

1 Angaben zum Ehepaar Haas auf Basis der Dokumente aus dem Entschädigungsverfahren für Samuel Haas, NLA-HStAH, Nds 110 W Acc. 31/99 Nr. 200185.

2 Siehe auch die Unterseite "Fallbeispiele - Haas".

3 Angaben zu Agnes Silbermann, geb. Sommerfeld, auf Basis der Dokumente aus der Entschädigungsakte, NLA-HStAH, Nds 110 W Acc. 14/99 Nr. 120239.

4 Vgl. auch die Liste der Gerechten unter den Völkern, die auf der Website der Gedenkstätte Yad Vashem einsehbar ist.

Vorherige Seite: Die Verhältnisse im Exil

Nächste Seite: Soziale Lage