Südamerika

Argentinien und Brasilien nahmen den Großteil der aus dem Deutschen Reich nach Südamerika geflüchteten jüdischen Verfolgten auf. Als weitere Aufnahmeländer traten Chile, Paraguay und – in weit geringerem Maße – Uruguay sowie Kolumbien und Bolivien in Erscheinung. Diese Reihenfolge entspricht auch der Emigration aus dem südlichen Niedersachsen auf den Kontinent. Von Göttingen und Umgebung aus flüchteten 23 Jüdinnen und Juden nach Argentinien, 15 nach Brasilien, fünf Personen nach Kolumbien, jeweils zwei nach Chile und Uruguay und eine Person nach Bolivien.

Die Einreisebestimmungen der südamerikanischen Länder waren sehr unterschiedlich. Ebenso different stellten sich die klimatischen Bedingungen, die sozialen Verhältnisse und die Integrationsmöglichkeiten dar. Den größten Anteil der Geflüchteten aus dem Deutschen Reich nahm Argentinien auf. Dennoch gab es Stimmen, die von einer repressiven Politik gegenüber den jüdischen Geflüchteten berichteten. Den hohen Anteil der jüdischen Zuwanderung in Argentinien, gemessen an anderen südamerikanischen Staaten, schrieben sie eher der Korruption und dem Verschweigen der jüdischen Identität der Flüchtlinge zu, als einer humanitären Aufnahmebereitschaft.

Argentinien

In den Jahren 1935 bis 1937 versuchte vor allem die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS), möglichst viele Menschen nach Argentinien zu bringen. Die Jewish Colonization Association (ICA) als Teil der Organisation kaufte Siedlungsland im Norden des Staatsgebiets, nahe der brasilianischen Grenze. Insgesamt 20 Familien sollten Ende 1935 in der Siedlung Avigdor im Bundesstaat Entre Rios den Anfang machen. Zu ihnen gehörte Jenny Rosenblatt, geborene Feilmann, Tochter der in Hann. Münden lebenden Witwe Angela Feilmann. Mit ihrem Ehemann und ihren Schwiegereltern bestieg sie im Dezember 1935 in Hamburg den Dampfer General San Martin und ging Ende Januar 1936 in Buenos Aires an Land. In Bovril bekamen die Familien Farmland und ein kleines Haus zugewiesen. Da die Kaufleute schwere körperliche Arbeit unter extremen klimatischen Bedingungen nicht gewohnt waren, gaben viele Neu-Farmer schon nach wenigen Jahren auf. Auch Jenny Rosenblatt und ihre Familie, inzwischen um zwei Töchter angewachsen, siedelte Anfang 1939 nach Buenos Aires über.1 Die Farm wurde von den Schwiegereltern weiter betrieben. Für zwei Personen reichten die Einnahmen aus der kleinen Landwirtschaft. Rosenblatts kamen „ohne einen Cent" in der argentinischen Hauptstadt an und waren gezwungen, unqualifizierte und unterbezahlte Jobs anzunehmen. So arbeitete Jenny Rosenblatt als Putzhilfe, Dienstangestellte und Fabrikarbeiterin, ihr Ehemann als Handlanger und Bauarbeiter. Schließlich musste nicht nur die Familie ernährt werden, im Frühjahr 1939 sollte auch Mutter Angela Feilmann aus Hann. Münden nachkommen. Für die Llamada, das Einreisevisum, war ein stattliches Bestechungsgeld aufzubringen. Das Unterfangen gelang, im März 1939 traf Angela Feilmann schließlich in Buenos Aires ein.

Mit körperlich harten Jobs mussten die Geflüchteten die ersten Jahre überstehen

Auch Alfred Simon, der 1933 „illegal" nach Frankreich flüchten musste, war auf prekäre Beschäftigungsverhältnisse angewiesen. Nachdem er Gisela Damis in Paris geheiratet hatte, nahm er umgehend die Emigration an den Rio de la Plata in Angriff.2 Im Januar 1936 trat das Ehepaar die Passage von Antwerpen nach Buenos Aires an. Dort erhielten Simons wegen ihrer fehlenden Sprachkenntnisse  zunächst Unterstützung vom Deutsch-jüdischen Hilfsvereins Argentinien. Dann musste auch Alfred Simon auf jede sich bietende Arbeit annehmen. Er schuftete als Aushilfskellner, Baugehilfe, Land- und Metallarbeiter, so konnte er den Unterhalt für die Familie, inzwischen war eine Tochter zur Welt gekommen, aufbringen. Schließlich hatte Alfred Simon als Hafenarbeiter einen schweren Arbeitsunfall, der eine 50-prozentige Arbeitsunfähigkeit nach sich zog. Er konnte nur noch Teilzeit arbeiten, so dass seine Tochter in den 1950er Jahren als Sekretärin zeitweise den Familienunterhalt bestreiten musste.

Im Laufe des Jahres 1938 hatte die argentinische Regierung die Geheimdirektive Circular 11 erlassen, mit der die jüdische Zuwanderung gestoppt werden sollte. Bis dahin war die Einreise bei Vorlage eines ausreichenden Geldbetrages möglich. Die Aufenthaltsgenehmigung wurde nun befristet und von der Fähigkeit der Aufgenommenen zur Selbstversorgung abhängig gemacht. Unklare Regelungen eröffneten aber diverse Möglichkeiten, die Einreise dennoch zu schaffen. Schiffspassagen Erster Klasse, wie Alfred und Gisela Simon sie gelöst hatten, suggerierten einen sozialen Status, der das Tor zum Einlass öffnen konnte. Gekaufte Visa für Paraguay endeten in Buenos Aires, da bürgerkriegsähnliche Zustände im Andenstatt eine Weiterreise unmöglich machten. So wurde die argentinische Hauptstadt in den 1940er Jahren zum jüdischen Zentrum Südamerikas.

Brasilien

Nachweislich mindestens 22 jüdische Geflüchtete aus den Landkreisen Göttingen und Osterode gelangten zwischen 1933 und 1941 nach Brasilien. Ähnlich wie Argentinien erhob auch der größte südamerikanische Staat sogenannte Vorzeigegelder, um "Armutszuwanderung" zu verhindern. Auch in Brasilien gab es ein Programm, mit dem Farmer angeworben wurden, die in Siedlungen leben und das Land urbar machen sollten. Wegen der klimatischen Zustände scheiterten zahlreiche Projekte, auch Krankheiten waren eine häufige Folge ungewohnter Lebensbedingungen. Hans Kaufmann aus Göttingen sowie Fritz und Erwin Meyer aus Hann. Münden emigrierten schon früh nach Übersee. Sie waren junge Menschen mit Visionen, denen die Probleme eines Neuanfangs zunächst als Herausforderung erschienen.

Brasilien bot viele Möglichkeiten, aber auch Gefahren

Als Sohn des praktischen Arztes Dr. Julius Kaufmann kam Hans Kaufmann 1911 in Göttingen zur Welt. Er selbst strebte nach dem erfolgreichen Abschluss der Abiturprüfung am Staatlichen Gymnasium (heute: MPG) ebenfalls eine Karriere als Mediziner an. So begann er in München zu studieren, wechselte dann an die Georgia Augusta nach Göttingen und schloss 1933 erfolgreich seine ärztliche Vorprüfung ab. Nach drei klinischen Semestern in Florenz kehrte er 1935 in seine Heimatstadt zurück. Auf Grund eines Einspruchs des Vorsitzenden des Nationalsozialistischen deutschen Studentenbundes in Göttingen konnte Hans Kaufmann sein Studium nicht mehr weiter führen und  keinen Abschluss machen. Da ihm zudem die Gestapo mit KZ-Haft drohte, wenn er das Land nicht innerhalb einer auf zwei Monate gesetzten Frist verließe, bemühte er sich um ein Visum für Paraguay. Um die Modalitäten zu regeln, erhielt er eine Fristverlängerung bis zum 07. Juli 1936.

Visa für Paraguay waren Mitte der 1930er Jahre relativ leicht zu beschaffen. Gegen ein geringes „Vorzeigegeld" stempelten die Konsularbeamten den Sichtvermerk in den Pass. Allerdings schreckten die politischen Verhältnisse, geprägt von revolutionären und gegenrevolutionären Aktionen, davon ab, tatsächlich in das Land zu emigrieren. Wie die meisten Inhaber von Paraguay-Visa blieb auch Hans Kaufmann zunächst in Buenos Aires. Er schlug sich als Hilfsarbeiter bei der South-American Mining Company durch, bis eine Schiffsbekanntschaft von der Überfahrt ihn auf Arbeitsoptionen auf Farmen in der Nähe der Ortschaft Rolandia im brasilianischen Bundesstaat Parana aufmerksam machte. Die Siedlung war zur Zeit der Weltwirtschaftkrise von deutschen Kaufleuten gegründet worden, seit Mitte der 1930er Jahre bot sie zunehmend jüdischen Geflüchteten Unterschlupf.

Extreme klimatische Verhältnisse sorgten für enorme Belastungen

Hans Kaufmann traf im März 1937 in Rolandia ein. Er fand Arbeit auf der Fazenda von Dr. Rudolf Isay, einem bekannten Berliner Patentanwalt, der als Jude das Deutsche Reich hatte verlassen müssen, in Brasilien Land erworben und 1935 seine Farm gegründet hatte. Er beschrieb die klimatischen Bedingungen so:

„Unser Klima ist subtropisch, d.h., wir leben am Rande der Tropen ... Wir haben daher nicht die in den eigentlichen Tropen üblichen zwei Regenzeiten und Trockenzeiten, sondern nur eine Regenzeit im Sommer (Januar bis März) und eine Trockenzeit im Winter (Juni bis August) ... Die jährlichen Regenmengen schwankten bisher zwischen zwischen 1000 und 1900 mm. Die höchste Regenmenge, die je in einer Nacht herunterkam, waren 102 mm im Februar 1943; damals schwammen mehrere Mühlenstaue und Brücken weg."3

Diese Verhältnisse, zusammen mit Temperaturen von häufig über 36° Celsius, waren für Mitteleuropäer ungewohnt und erschwerten die harte körperliche Arbeit zusätzlich. Nachdem er sich zunächst auf mehreren Farmen, u.a. als Vorarbeiter, bewährt hatte, erkrankte Hans Kaufmann. Eine Amöben-Ruhr hatte eine schwere Hepatitis und chronische Gallenbeschwerden zur Folge. Nachdem er sich in Sao Paulo erholt hatte, kehrte er nach Rolandia zurück und erwarb selbst ein Stück Land. 1939 heiratete Hans Kaufmann, bis 1949 kamen drei Kinder zur Welt.

Durch Krankheiten zurückgeworfen

Da die Hepatitis aber noch nicht vollständig ausgeheilt war, bekam der Neu-Farmer als Folgeerkrankungen eine Rippenfellentzündung und daraufhin eine TBC. Die Krankheiten behinderten die Aufbauarbeit der Farm, so dass es nicht gelang, eine ökonomische Perspektive zu entwickeln. Als er 1941 den Versuch der Selbstständigkeit aufgab, resümierte Hans Kaufmann: „wir haben uns regelrecht durchhungern müssen".4 1941 gab die Familie den Versuch auf, sich als Farmer eine selbstständige Existenz aufzubauen. Sie verließ den Regenwald Nord-Paranas und zog nach Itapeva in den Distrikt Sao Paulo.

Uruguay

Über 7.000 Jüdinnen und Juden flüchteten während der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich nach Uruguay. Dabei kam ihnen zu Gute, dass 1938 eine rechte Diktatur abdanken musste und durch eine liberalere Regierung ersetzt wurde. Diese legte die bis dato restriktiven Einreisebestimmungen weit weniger streng aus. Während die bislang dargestellten Beispiele für Südamerika den harten Kampf der Geflüchteten um ihre neue Existenz belegen, der mit mehr oder weniger Erfolg geführt wurde, steht Uruguay für eine Fluchtgeschichte, bei der das Land nur als Durchgangsstation vorgesehen war.

Restriktionen wurden weniger streng ausgelegt

Der Textilkaufmann Josef Stern, der in den 1920er Jahren in Dransfeld bei Göttingen zu Wohlstand gekommen war, versuchte zunächst im nationalsozialistischen Deutschland finanziell über die Runden zu kommen. Nachdem er die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens einsehen musste, plante er, mit seiner Ehefrau und seinem Sohn nach Nordamerika auszuwandern. Da aber alle Bemühungen, trotz Verwandter in New York, die Unterstützung leisteten, fehlschlugen, retteten sich Josef und Regina Stern vorübergehend nach Uruguay.

Durch Akten der OFP-Devisenüberwachung sind die gescheiterten Versuche des Ehepaars Stern überliefert, gebuchte Schiffpassagen in die USA rechtzeitig nutzen zu können. Dazu fehlten entweder dringend benötigte Dokumente der deutschen Behörden oder die Sichtvermerke der amerikanischen Konsulate. Bereits eingezahlte Beträge wurden dann von den Schifffahrtslinien wieder rückerstattet. Für die Ein- und Auszahlungen auf und von den Sperrkonten mussten jedes Mal Genehmigungen der Devisenabteilungen der Finanzbehörden eingeholt werden, was einen nicht unwesentlichen zusätzlichen bürokratischen Aufwand bedeutete.

1940 endlich die Ausreise nach Südamerika geschafft

Bereits Anfang Januar 1939 zahlte die Hamburg-Südamerika-Dampfschifffahrtsgesellschaft (HSDG) 1.000 RM wegen nicht eingelöster Tickets zurück. Im August des Jahres versuchte es Ehepaar Stern erneut und zahlte über 3.000 RM bei der Gesellschaft ein. Offenbar verhinderte der Kriegsausbruch aber die Passage in die Vereinigten Staaten, so dass die HSDG auch diesen Betrag Anfang November 1939 rückerstattete. Nun blieb Josef und Regina Stern nur noch die schnelle Flucht nach Uruguay, die dann zum Jahresanfang 1940 endlich glückte.5


Fußnoten

1 Angaben zu Angela Feilmann und Jenny Rosenblatt in einer eidesstattlichen Versicherung im Entschädigungsverfahren vom 02.07.1957, NLA-HStAH, Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 132935 Blatt 13.

2 Siehe auch Unterseite „Europa".

3 Vgl. Rudolf Isay: Aus meinem Leben, Weinheim/ Bergstraße 1960, S. 85.

4 Angaben zu Hans Kaufmann auf Basis der Dokumente aus der Entschädigungsakte, NLA-HStAH, Nds. 110 W Acc. 14/99Nr. 105354 Blatt 66-74.

5 Quellen: Akte der Devisenüberwachungs-Abteilung des OFP Hannover, NLA-HStAH, Hann. 210 Acc. 20014/025 Nr. 2314, Akte des Wiedergutmachungsamts beim Landgericht Göttingen, NLA-HStAH, Nds. 720 Göttingen Acc. 2009/129 Nr. 792 und des Wiedergutmachungsamts beim Landgericht Hannover, NLA-HStAH, Nds. 720 Acc. 2009/126 Nr. 31 WgA 279/63.

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