Afrika

Aus dem Deutschen Reich flüchteten 5.500 jüdische Bürgerinnen und Bürger nach Südafrika, die meisten von ihnen bis 1936. Zunächst galten relativ lockere Einreisebestimmungen, ab 1936 setzten die Behörden ein Vorzeigegeld von 100 britischen Pfund voraus. Im Aliens Act von 1937 trat eine deutliche Verschärfung der Bestimmungen ein.

Von nun an mussten Einreisewillige ihre finanzielle Unabhängigkeit nachweisen, eine Auswahl nach beruflicher Qualifikation wurde durchgeführt und Einreiseanträge nach der „Assimilierbarkeit" der Antragsteller entschieden. Die „Nachwanderung" von Familienangehörigen war nur bei Vorlage eines Affidavits möglich.1 Südafrika war vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eines der Länder mit der am stärksten wachsenden jüdischen Bevölkerung. Machten 1880 etwa 4.000 Jüdinnen und Juden nur ein Prozent der weißen Einwohnerschaft aus, so waren es 1936 mit 90.645 jüdischen Einwohnern schon 4,5 Prozent.
Mindestens neun verfolgte Jüdinnen und Juden flüchteten aus dem südlichen Niedersachsen ans Kap der Guten Hoffnung.

Trotz wachsendem Antisemitismus eine neue Heimat für   jüdische Geflüchtete

Eine Folge dieser positiven Entwicklung war allerdings der steigende Antisemitismus in den weißen Bevölkerungsschichten. Vor diesem Hintergrund entschieden sich die Behörden zu einer restriktiveren Immigrationspolitik. Die Ankunft des Flüchtlingsschiffs Stuttgart ist ein bekannt gewordener Fall, der antisemitische Tendenzen besonders deutlich macht. Dem im Herbst 1936 aus Hamburg kommenden Dampfer mit über 540 jüdischen Geflüchteten an Bord wurde zunächst die Anlandeerlaubnis verweigert. Grund war eine Demonstration im Hafen von Kapstadt, die von einer nationalsozialistisch ausgerichteten Burenpartei veranstaltet wurde. Einige Demonstrationsteilnehmer übernahmen später hohe Ämter in der Apartheidregierung, so waren u.a. auch zwei zukünftige Ministerpräsidenten an der Kundgebung beteiligt.

Einer der bedrängten jüdischen Geflüchteten war Heinz Hammerschlag aus Hann. Münden.3 Nachdem der kaufmännische Angestellte seinen Job bei einem jüdischen Geschäftsmann in Kassel aufgeben musste, entschloss er sich zur Auswanderung. Anfang Oktober 1936 fand er einen Platz auf dem Dampfer Stuttgart. Nach der Ankunft in Kapstadt, beim Verlassen des Schiffes, wurden die Flüchtlinge von den Antisemiten bedrängt und angepöbelt.

Wichtige Unterstützung durch die jüdische Community

Fast alle Neuankömmlinge hatten zunächst mit beruflichen Problemen zu kämpfen, so auch Anneliese Rothstein aus Göttingen.4 Sie war bereits Anfang 1936 nach Südafrika gelangt, als der Zugang ins Land noch etwas leichter war. Anneliese Rothstein hatte in Göttingen als Angestellte gearbeitet. Sie war gelernte Bankkauffrau und im  Bankhaus Simon Frank bis zur Kontokurrent-Buchhalterin aufgestiegen. Mit dem Niedergang des Geldhauses infolge des Boykotts war sie ihrer beruflichen Perspektiven in Deutschland beraubt. Sie nutzte die Gelegenheit der relativ günstigen Einreisbestimmungen und besorgte sich ein Visum für Südafrika. Anfang 1936 reiste sie mit dem Dampfer Watussi von Hamburg nach Durban, von dort aus weiter nach Johannesburg. In der Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde des Landes suchte sie sich Arbeit.

Fehlende Sprachkenntnisse erschwerten die Arbeitssuche

Da sie die nötigen spezifischen Sprachkenntnisse nicht besaß, konnte sie in ihrem Beruf als Bankangestellte keine Anstellung finden. Stattdessen teilte sie das Los vieler junger Emigrantinnen. Sie arbeitete in Johannesburg als Haushalthilfe für 3 Pfund monatlich, was umgerechnet knapp 30 RM entsprach. Damit konnte sie nur auskommen, weil sie in dem Privathaushalt ihres Arbeitgebers in freier Kost und Logis lebte. Erst Ende 1937 verbesserte sich ihre Lage etwas, als sie eine Stelle als Kellnerin im Restaurant der Jewish Guild annehmen konnte. Wie ihre späteren Arbeitsverhältnisse als Kassiererin im New City Restaurant und als Empfangsdame im Linton Hotel  war ihr der Job durch die jüdische Gemeinde vermittelt worden. Die Einbindung in die soziale Gemeinschaft vereinfachte vielen jüdischen Geflüchteten den Neuanfang.

Erst mit ihrer Hochzeit im Dezember 1948 verschaffte sich Anneliese Rothstein einen angemessenen Verdienst. In der Firma ihres Ehemannes Erwin Hammerschlag, nicht verwandt mit Heinz Hammerschlag, konnte sie in ihrer gelernten Tätigkeit als Buchhalterin arbeiten. Ähnlich wie Anneliese Rothstein in Johannesburg erging es auch Heinz Hammerschlag in Kapstadt. Er musste mit einer Berufsausbildung wieder neu anfangen. Bei einem Händler in der Kap-Provinz ging er bis Ende Februar 1937 ohne Einkommen in die Lehre, auch er bezog lediglich Verpflegung und hatte freie Unterkunft. Anschließend ging er als Ladengehilfe für 5 Pfund monatlich in die Handelsfirma Scholnick in Kenhard, ebenfalls in der Kap-Provinz gelegen. Dort begann sein beruflicher Aufstieg. Im April 1942 wurde er Geschäftsführer, später Mitgesellschafter der Firma. 1950 übernahm er schließlich alle Firmenanteile, 1955 verkaufte er dann das Geschäft.

Aufstiegschancen hielten die Einwanderer im Land

Mit seiner inzwischen gegründeten Familie zog er noch 1955 nach Kapstadt, mit dem Verkaufserlös sollte ein neuer Betrieb eröffnet werden. Das gelang ihm erst 14 Monate später, er machte sich mit einem allgemeinen Abzahlungsgeschäft selbstständig. Trotz der antisemitischen Vorbehalte in Teilen der südafrikanischen Gesellschaft blieben die meisten jüdischen Geflüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg im Land. Anders als in Mittel- und Südamerika, von wo aus viele Menschen ab Ende der 1940er Jahre in die USA oder nach Israel emigrierten oder sogar die Rückkehr nach Deutschland versuchten, schienen die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in Südafrika eine Option für die Zukunft zu sein. Neben einem angenehmen Klima mag auch von Bedeutung gewesen sein, dass die im Deutschen Reich Verfolgten, trotz der antisemitischen Anfeindungen, als Weiße eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft inne hatten.



Fußnoten

1 Vgl. Heimat und Exil. Die Emigration der deutschen Juden nach 1933, Frankfurt a. M. 2006, S. 98.

2 Zur Statistik vgl. Website des South African Jewish Board of Deputies (Jewish History): http://www.jewishsa.co.za/about-sajbd/sa-jewish-history/

3 Angaben zu Heinz Hammerschlag auf Basis der Dokumente aus der Entschädigungsakte, NLA-HStAH, Nds. 110 W Acc. 14/99 Nr. 109156.

4 Angaben zu Anneliese Rothstein auf Basis der Dokumente aus der Entschädigungsakte, NLA-HStAH, Nds. 110 W Acc. 60/94 Nr. 115 I.

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